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Es war einer dieser Abende in Petrosani, an denen der Wind durch die Bergtäler pfeift und man sich fragt, ob der Fußball hier wirklich eine gute Idee war. 30.684 Zuschauer kamen trotzdem - und sie bekamen beim 1:2 (0:0) gegen Brühl St. Gallen ein Spiel zu sehen, das mehr Wendungen hatte als ein albanischer Gebirgsweg. Beide Teams starteten temperamentvoll, als hätte man ihnen vor Anpfiff doppelte Espresso gereicht. Die Gäste aus der Schweiz, taktisch auf Offensive gepolt, begannen mit einem Feuerwerk an Abschlüssen: Zimmermann in der 2. Minute, Richter in der 6., LaClaire in der 9. - alles ohne Erfolg. "Ich dachte, wir müssten uns erst warmspielen", grinste Brühls Trainer Thomas Sprecher später. "Aber die Jungs wollten wohl sofort zeigen, dass sie nicht zum Skifahren hier sind." Petrosani hielt dagegen, mit mehr Ballbesitz (53 Prozent) und der robusten Spielweise, für die Trainer Cuba Libre - ja, das ist wirklich sein Name - inzwischen europaweit bekannt ist. "Wir wollten zeigen, dass wir auch Fußball spielen können", erklärte Libre mit einem Lächeln, das andeutete: Er wusste genau, dass seine Mannschaft eher für das Gegenteil berüchtigt ist. Die erste Halbzeit endete torlos, aber nicht ereignislos. Duarte Capone, Petrosanis linker Stürmer, sah in der 34. Minute Gelb, nachdem er offenbar glaubte, der Ball sei ein Gegner. Kurz darauf donnerte Marco Fontana aus 20 Metern aufs Tor - leider auch auf den Parkplatz hinter dem Stadion. Nach der Pause wurden die Gäste belohnt. In der 48. Minute, kaum war der junge Ersatzkeeper Philippe Sonntag für Henri Steffen eingewechselt, rollte der Ball nach einem blitzsauberen Angriff über Vincent Jacobs zu Dennis Zimmermann. Der 22-Jährige vollendete eiskalt zum 0:1. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner im Weg steht", gab Zimmermann später zu. Doch Petrosani ließ sich nicht entmutigen. Das Publikum, inzwischen halb gefroren, halb empört, schrie die Mannschaft nach vorn. Und tatsächlich: In der 68. Minute war es ausgerechnet Linksverteidiger Nuno Herrera, der nach Flanke von Rechtsverteidiger Frank Blume per Kopf ausglich. Ein Verteidiger-Doppelpack, wie man ihn sonst nur in Trainingsspielen sieht. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Blume lachend. "Aber Nuno hat beschlossen, dass das ein Torschuss ist." Es roch nach Punktgewinn, nach einer gerechten Teilung der Arbeit - bis die jungen Wilden aus St. Gallen noch einmal zuschlugen. In der 81. Minute war wieder Jacobs beteiligt, diesmal als Vollstrecker. Nach Pass des eingewechselten Stephane Barre schlenzte der 19-Jährige den Ball präzise ins linke Eck. Jubel bei Brühl, Entsetzen bei Petrosani. "Jacobs ist erst 19, aber spielt, als hätte er schon ein Haus in der Champions League", schwärmte Sprecher. Petrosani versuchte danach alles. Wagner, Angelow und Capone feuerten noch einige Male aufs gegnerische Tor, doch Brühls Defensive hielt stand - auch dank des jungen Sonntag, der mehrfach glänzend parierte. "Ich hab versucht, einfach nicht zu denken", sagte der Torhüter später. "Das hilft manchmal." Am Ende stand ein 1:2, das sich für die Gastgeber bitter anfühlte. Sie hatten mehr Ballbesitz, genauso viele Torschüsse (10:10), aber weniger Effizienz. Und das, obwohl Trainer Libre kurz vor Schluss noch einmal energisch Richtung Spielfeld brüllte: "Ihr müsst nur einen mehr machen als die!" - ein Satz, der wohl in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Cuba Libre nahm die Niederlage mit Galgenhumor: "Wir haben gut gespielt, nur die Tore waren im Weg." Sein Gegenüber Sprachers Fazit fiel nüchterner aus: "Das war kein Kunstwerk, aber drei Punkte sind drei Punkte." Brühl St. Gallen reist nun mit breiter Brust weiter, während Petrosani die Schneeschaufeln wieder rausholt - und vielleicht ein wenig an der Chancenverwertung feilt. Denn wer so viele gute Gelegenheiten liegen lässt, braucht am Ende mehr als Ballbesitz: nämlich Glück. Und das war an diesem frostigen Abend ganz eindeutig Schweizer Importware. 05.03.643987 09:23 |
Sprücheklopfer
Wenn ich natürlich bei meinen Sechs-Minuten-Einsätzen bis zur Winterpause 30 Tore schieße, werde ich vielleicht nicht gehen dürfen.
Jan-Aage Fjörtoft