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Wenn ein Fußballspiel erst ab der 59. Minute so richtig beginnt, dann war die erste Stunde wohl mehr Schach als Sport. So geschehen am 18. Spieltag der tschechischen 1. Liga, als Hradec Kralove im heimischen Stadion vor 25.889 Zuschauern den FC Bystrc-Kninicky empfing - und am Ende mit einem 1:2 das Nachsehen hatte. Ein Ergebnis, das weniger mit Taktik als mit Temperament zu tun hatte. Die erste Halbzeit war ein Musterbeispiel kontrollierter Langeweile. Beide Teams gaben sich Mühe, aber das Netz blieb so unberührt wie der Kaffee des vierten Offiziellen. Hradec Kralove, von Trainer Thomas Michael Rinesch offensiv eingestellt, schoss zwölfmal aufs Tor, allerdings meist so, dass sich der Balljunge über Beschäftigung freuen durfte. "Wir wollten früh Druck machen", erklärte Rinesch später, "aber irgendwie hatten wir mehr Ballkontakte im Mittelkreis als im Strafraum." Bystrc-Kninicky, das Team von Carsten Achenbach, hielt dagegen - mit etwas mehr Ballbesitz (53,6 Prozent), aber zunächst ebenso wenig Ertrag. Erst ein Trainerkniff zur Pause brachte Bewegung in die Partie: Achenbach tauschte den wuchtigen Innenverteidiger Hermann Grossmann gegen den flinken Marko Riihilahti und ließ zudem Zoran Divic für den müden Eric Marceau auflaufen. "Wir wollten frischer wirken - und das ging nur, wenn wir etwas Sauerstoff ins Mittelfeld pumpen", grinste Achenbach nach dem Spiel. Und siehe da: In Minute 59 drang Bystrc endlich durch. Kristofer Gulbrandsen, der Mann für die stillen Vorlagen, steckte den Ball elegant auf Hermanni Pasanen durch, der trocken rechts unten zum 0:1 einschob. Die Gästefans jubelten, die Heimkurve stöhnte - und Hradec erwachte. Nur fünf Minuten später setzte Miroslav Rukavina Kian Cromwell in Szene, der mit einem wuchtigen Schuss den Ausgleich erzielte. 1:1 - das Spiel war nun endlich so lebendig, wie man es sich in der ersten Halbzeit gewünscht hätte. Doch Freude und Ernüchterung lagen an diesem Abend eng beieinander. Kaum zwei Minuten nach dem Tor sah Hradecs Rechtsmittelfeldmann Nael Meireles Rot - ein übermotiviertes Einsteigen, das manch Zuschauer mit einem ironischen "Er wollte wohl zeigen, dass er wirklich kämpft" kommentierte. Trainer Rinesch war weniger amüsiert: "Das war dumm. Da gibt es nichts zu beschönigen." Bystrc nutzte die numerische Überlegenheit eiskalt. Wieder Gulbrandsen über links, wieder ein präzises Zuspiel - diesmal auf Sasa Juskic, der in der 68. Minute zur erneuten Gästeführung traf. 1:2, und das sollte auch der Endstand bleiben. Hradec versuchte zwar, das Spiel zu drehen, schoss in der Schlussphase noch zweimal gefährlich, doch Keeper Ivan Ivic hielt, was zu halten war. Die letzten Minuten boten dann mehr Gelbe Karten als Torchancen. Erst erwischte es Riihilahti (71.), dann Lansbury (76.), und zum Schluss bekam auch Hradecs Morales (92.) den gelben Karton gezeigt - vermutlich wegen zu deutlicher Meinungsäußerung gegenüber dem Schiedsrichter. In der Nachspielzeit notierte der Referee sogar noch eine Verwarnung für Bystrcs Divic (95.), der offenbar dachte, das Spiel sei bereits abgepfiffen und den Ball wegschlug. "Es war wild, aber verdient", bilanzierte Doppeltorschütze-Assistent Gulbrandsen mit einem schelmischen Lächeln. "Wir haben gezeigt, dass man auch mit 33 noch laufen kann, wenn’s drauf ankommt." Sein Trainer Achenbach ergänzte trocken: "Manchmal musst du einfach Geduld haben - und hoffen, dass der Gegner die Nerven verliert." Auf der anderen Seite versuchte Rinesch das Positive zu sehen: "Wir haben Chancen kreiert, wir haben gekämpft - nur das Ergebnis passt nicht. Aber das ist Fußball. Und manchmal ist Fußball eben ein bisschen gemein." Die Fans gingen mit gemischten Gefühlen nach Hause. Einige applaudierten ihrem Team für den Einsatz, andere haderten mit der Unbeherrschtheit, die den Sieg kostete. Ein älterer Zuschauer fasste es auf der Tribüne treffend zusammen: "Schön gespielt, schlecht gezählt." Statistisch blieb das Spiel ausgeglichen: 12 Torschüsse für Hradec, 10 für Bystrc; Ballbesitz leicht zugunsten der Gäste, Zweikampfquote leicht zugunsten der Heimelf. Doch am Ende zählen nur die Tore - und da hatte Bystrc-Kninicky die Nase vorn. Ein Abend, der zeigte, dass Fußball manchmal erst dann spannend wird, wenn die Ordnung verloren geht. Und dass ein cleverer Passgeber wie Gulbrandsen mehr wert sein kann als jede taktische Tafel. Oder, um es mit den Worten von Trainer Achenbach zu sagen: "Wir haben keine Schönheitspreise gewonnen - aber drei Punkte. Und die passen in jede Vitrine." 15.08.643987 11:48 |
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Kriminaltechnisch gesehen ist eine Heimniederlage wie ein Einbruch.
Peter Neururer