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Campina Grande - 31.379 Zuschauer im Estádio Municipal erlebten am Sonntagabend brasilianischen Fußball in seiner schönsten Form: laut, leidenschaftlich und mit ausreichend Chaos, um jeden Taktikfuchs in den Wahnsinn zu treiben. Am Ende stand ein verdienter 3:1-Sieg für Campina Grande gegen Dragon Goianiense - und ein Trainer, der sich kaum das Lächeln verkneifen konnte. "Ich habe meiner Mannschaft gesagt: Wenn wir schon offensiv spielen, dann bitte richtig", grinste Trainer Tobias Wassermann nach dem Schlusspfiff, während er genüsslich an seinem Mate-Tee nippte. "Und wenn Charles gleich in der sechsten Minute trifft, kann man sich ja mal entspannen - zumindest für fünf Minuten." Genau so begann das Spiel: Charles Aimee, der Mann mit der Ruhe eines Schachspielers und den Füßen eines Tänzers, schlenzte den Ball aus 18 Metern ins rechte Eck. Kein Zögern, kein Nachdenken, einfach Fußball pur. Goianiense-Keeper Antonio Borreguero streckte sich vergeblich, und die Tribüne bebte. Doch Campina Grande hatte noch lange nicht genug. In der 22. Minute kombinierten die Hausherren wie aus dem Lehrbuch: Aimee mit dem Pass in die Tiefe, Noah Huxley sprintet, zieht ab - 2:0. "Ich hab’ einfach draufgehalten", erklärte Huxley später und zuckte die Schultern. "Charles meinte, ich solle es mal probieren. Ich dachte, warum nicht?" Und weil aller guten Dinge drei sind, legte Liam Sterling in der 36. Minute nach. Nach Vorlage von Henri Billet tanzte der junge Engländer im Dress von Campina Grande durch den Strafraum, als hätte er den Ball an einer unsichtbaren Schnur. 3:0 - und im Stadion wehten schon die ersten Freudenfahnen. Das einzige, was Goianiense zu diesem Zeitpunkt noch retten konnte, war der Pausenpfiff. Doch kurz davor, in der 45. Minute, blitzte das Drachenfeuer kurz auf: Agemar Pauleta, der einzige Gastspieler mit unerschütterlichem Glauben an den Fußballgott, knallte den Ball nach Vorarbeit von Caio Manu unter die Latte. 3:1 - immerhin. "Ich hab geschrien, dass wir noch leben", erzählte Pauleta später lachend. "Aber die anderen waren wohl schon in der Kabine." Die zweite Halbzeit begann mit zwei frühen Wechseln bei Dragon Goianiense. Trainer Fabian Dietz brachte frische Beine - Fernando Bosingwa und Reece Grantham - und hoffte auf das Wunder von Campina. Doch das Wunder blieb aus. Campina Grande kontrollierte Ball und Gegner, hatte 56 Prozent Ballbesitz, spielte souverän, manchmal fast zu lässig. "Ich wollte, dass sie ruhig bleiben", sagte Coach Wassermann. "Nicht jeder muss den Ball gleich ins Tor tragen. Manchmal reicht’s, wenn er sicher beim Mitspieler landet." Seine Spieler hielten sich weitestgehend daran, auch wenn Nael Miguel in der 70. Minute eine gelbe Karte kassierte, nachdem er sich zu sehr in ein Laufduell verbissen hatte. Goianiense versuchte es mit langen Bällen, viel Herz und einem Schuss Verzweiflung - 9 Torschüsse, aber kaum echte Gefahr. Der junge Frederic Schrader, gerade 18, sah in der 78. Minute Gelb, nachdem er mehr Gegner als Ball traf. "Ich wollte zeigen, dass ich da bin", meinte er nach dem Spiel kleinlaut. Trainer Dietz nahm ihn in Schutz: "Wenn man hinten 1:3 liegt, darf man auch mal etwas übermotiviert sein." In der Schlussphase flackerte der Wille der Gäste noch einmal auf. Reece Grantham prüfte Keeper Filipe Dominguez in der 89. Minute, doch der parierte sicher. "Ich hatte das Gefühl, heute kann uns nichts passieren", sagte Dominguez später. Und so war es: Campina Grande brachte das 3:1 locker über die Zeit, auch wenn Linksverteidiger Frederic Reacock in der Nachspielzeit noch Gelb sah - wohl mehr aus Langeweile als aus Notwehr. Statistisch war der Sieg klar verdient: 11 zu 9 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote (51 Prozent). Und vor allem: mehr Spielfreude. "Das ist Fußball, wie wir ihn mögen", grinste Tobias Wassermann. "Ein bisschen Chaos, ein bisschen Zauber - und drei Tore." Trainer Dietz nahm’s mit Fassung. "Wir haben viel probiert, aber Campina war einfach besser. Manchmal hilft auch kein Pressing, wenn der Gegner Samba tanzt." Als die Flutlichter langsam erloschen, schwappte noch einmal der Gesang der Fans durchs Stadion. Campina Grande hat nicht nur gewonnen, sondern gezeigt, dass man in Brasilien auch im Februar Sommerfußball spielen kann. Und wer weiß - vielleicht war dieser Sieg der Auftakt zu einer Saison, in der Campina Grande mehr als nur ein Geheimtipp bleibt. Denn wenn sie weiter so tanzen, könnte bald selbst der Tabellenführer ins Schwitzen geraten. 22.06.643990 01:23 |
Sprücheklopfer
Einige haben von einem recht guten Spiel gesprochen. Da frage ich mich, ob ich zum Augen- oder zum Ohrenarzt muss.
Andreas Möller nach einer 1:3-Niederlage des BVB in Bielefeld