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Ein lauer Januarabend in Minerden, 30.292 Zuschauer, ein Flutlicht, das sogar die Mücken blendete - und ein Spiel, das bis zur letzten Minute wie ein Lehrfilm über vertane Chancen aussah. Am Ende jubelte aber doch jemand: Caradodo FC entführte beim 2:1 (0:0) drei Punkte aus dem Estadio Bolivar, weil Theo Bancroft in der 94. Minute die Geduld eines Uhrwerks bewies - und die Gastgeber in Verzweiflung stürzte. Dabei begann alles recht ausgeglichen. Beide Teams traten mit ähnlicher taktischer DNA an - "balanciert", wie es die Statistik so schön trocken nennt. Übersetzt hieß das: Viel Mittelfeldgeplänkel, wenig Feuerwerk. "Wir wollten nicht ins offene Messer laufen", erklärte Minerden-Trainer Dominik Dietze nach dem Spiel, "leider sind wir dann über das geschlossene Messer gestolpert." Die erste Halbzeit war, freundlich formuliert, ein Duell der guten Vorsätze. Zwölf Torschüsse für Minerden, zehn für Caradodo - das klingt nach Action, sah aber eher nach Geduldsprobe aus. Der Ballbesitz pendelte sich bei 51 zu 49 Prozent ein, und der Torhüter von Caradodo, Martin Perez, wirkte zur Pause fast beleidigt, dass er sich die Handschuhe überhaupt angezogen hatte. Nach dem Seitenwechsel dann endlich Leben im Spiel: In der 58. Minute fasste sich Caradodos Rechtsaußen Charles Reid ein Herz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der 29-Jährige später, "und gehofft, dass niemand merkt, dass ich eigentlich flanken wollte." Der Ball segelte in hohem Bogen, senkte sich unerwartet hinter Keeper Ingo Oliveira ins Netz - 0:1, und plötzlich war das Stadion wach. Minerden reagierte, wie man es in Bolivar kennt: mit viel Herz, wenig Geduld und maximalem Risiko. Zehn Minuten später setzte der junge Vicente Andrade zu einem Sprint an, der selbst die gegnerische Bank aufstehen ließ. Sein Pass in den Rückraum fand Nelio Valentin, der trocken ins kurze Eck verwandelte (68.). "Das war ein schöner Moment", sagte Valentin, "bis ich merkte, dass wir noch 20 Minuten zu spielen hatten." Und diese 20 Minuten zogen sich wie Kaugummi. Gelbe Karten (Larry Derick für Caradodo, Javier Etxebarria für Minerden), kleine Nickligkeiten und wütende Rufe aus dem Publikum bestimmten die Schlussphase. "Ich hatte das Gefühl, der Schiedsrichter will den Ball selbst ins Aus schießen, nur um pünktlich nach Hause zu kommen", murmelte ein Bolivar-Fan auf der Tribüne. Doch Caradodo hatte noch einen Pfeil im Köcher - und der hieß Theo Bancroft. In der vierten Minute der Nachspielzeit, als wirklich niemand mehr an ein Happy End glaubte, startete Reid auf dem rechten Flügel ein letztes Mal durch, flankte scharf in den Strafraum, und Bancroft war mit dem Kopf zur Stelle: 1:2. Der Jubel der Gäste klang wie ein Befreiungsschrei. "Wir wussten, dass Minerden in der Schlussphase oft offen steht", erklärte Trainer Timo Ruß, "aber dass Theo noch so viel Sprungkraft hat, hätte ich selbst nicht gewettet." Die letzten Sekunden vergingen in betretenem Schweigen. Nur Dietze stand noch an der Seitenlinie, die Hände in die Hüften gestemmt, und murmelte: "Wenn man in der 94. Minute verliert, ist das wie kalter Kaffee - aber man trinkt ihn trotzdem." Seine Spieler schlichen vom Platz, während Caradodo sich vor der kleinen Gästekurve feiern ließ. Statistisch gesehen war das Duell ein Muster an Ausgeglichenheit: 51 Prozent Ballbesitz für Minerden, 49 für Caradodo, fast gleiche Zweikampfquote - aber am Ende zählt nur, wer den Ball öfter über die Linie bringt. Und das waren eben die Gäste. Bancroft, der Matchwinner, hatte nach Abpfiff nur einen Satz für die Reporter: "Ich wollte eigentlich schon in die Kabine, dann kam der Ball." Manchmal schreibt der Fußball seine Geschichten nicht in den 90 Minuten, sondern danach. Und manchmal reicht ein einziger Kopfball, um aus einem müden Spiel eine späte Pointe zu machen. Caradodo FC verlässt Bolivar mit einem Grinsen - und Minerden Bolivar bleibt mit der Erkenntnis zurück, dass gute Statistiken keine Punkte bringen. Oder, wie ein enttäuschter Fan beim Hinausgehen sagte: "Wir hatten 51 Prozent Ballbesitz. Vielleicht sollten wir nächstes Mal 100 Prozent Chancenverwertung haben." 06.03.643987 09:22 |
Sprücheklopfer
Ich habe immer gesagt, dass ich kein Dauerläufer bin, sonst könnte ich ja gleich beim Marathon starten.
Mario Basler