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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Gäste überhaupt mitbekommen haben, dass das Spiel begonnen hatte. Schon nach 60 Sekunden zappelte der Ball im Netz von Deportivo Zulia - und das war nur der Anfang einer 90-minütigen Lehrstunde, die CD Guayana am 10. Spieltag der 1. Liga Venezuela erteilte. 2:0 hieß es am Ende, und ehrlich gesagt war das noch schmeichelhaft für die Gäste. Kian Carmody, 22 Jahre jung, linkes Mittelfeld mit eingebautem Turbo, hatte offensichtlich keine Lust auf taktisches Abtasten. Ein kurzer Doppelpass mit Diego de Freitas, ein Schlenker, ein Schuss - und schon stand’s 1:0. Während die Zuschauer noch ihre Arepas auspackten, riss der junge Brite die Arme hoch und grinste, als hätte er gerade den Rasen erfunden. "Ich dachte, ich probier’s einfach mal. Man weiß ja nie, wie wach der Torwart ist", lachte Carmody später. Wach war er nicht. Und das sollte sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehen. 29926 Zuschauer im Estadio Guayana sahen eine Heimelf, die mit 56 Prozent Ballbesitz und 20 Torschüssen das Spiel komplett in der Hand hielt. Zulia? Null Schüsse aufs Tor, null Ideen, null Gefahr. Trainer Emil Freier, sonst ein Mann von eher blumigen Analysen, brachte es nach dem Abpfiff trocken auf den Punkt: "Wir waren körperlich da, geistig aber wohl noch im Bus." Guayanas Coach Ralf Minge, gewohnt schnörkellos, grinste dagegen breit: "Wir haben uns vorgenommen, früh Druck zu machen. Dass es gleich so klick macht, war natürlich nicht geplant - aber wir nehmen’s." Was folgte, war eine Einbahnstraßenpartie. Pedro Pelayo wirbelte auf rechts, Adriano Martins prüfte den Torwart aus jeder erdenklichen Lage, und selbst Linksverteidiger Harvey Bettencourt hatte offenbar Lust auf Offensivaktionen. In der 24. Minute kassierte Pelayo dann Gelb - vermutlich aus Langeweile, weil er endlich mal jemanden foulen wollte. Deportivo Zulia, offiziell im System "offensiv" aufgestellt, wirkte derweil wie eine Mannschaft, die den Begriff nur aus dem Wörterbuch kennt. Ihre "offensive Ausrichtung" bestand darin, den Ball so schnell wie möglich wieder zu verlieren. Kein Pressing, kein Tempo, kein Mut. Wenn sie mal über die Mittellinie kamen, war’s vermutlich ein Versehen. Zur Pause stand es 1:0, doch die Statistik sprach Bände: 11:0 Torschüsse, 59 Prozent Zweikampfquote für Guayana. Und Ralf Minge soll in der Kabine nur gesagt haben: "Macht einfach weiter. Irgendwann fällt der nächste." Er fiel - natürlich wieder durch Carmody. In der 60. Minute schnappte sich Pelayo den Ball, tanzte zwei Verteidiger aus und legte quer. Carmody nahm Maß, traf trocken ins lange Eck. 2:0, Deckel drauf, Stadion in Ekstase. "Kian hat heute gespielt, als hätte er drei Lungen", meinte Mitspieler Paulus Vidarsdottir später augenzwinkernd. In der Schlussphase wechselte Minge noch munter durch: Duff raus, Pelletier rein, später Martins für Ricardo Peña - und sogar Torwart Bertran durfte in der 75. Minute Feierabend machen. Ersatzkeeper Latif Kaynak kam und hatte vermutlich den gemütlichsten Arbeitstag seiner Karriere. Kein einziger Ball kam auf sein Tor. Zulias Jungspund Jeremei Karpow, der schon in der 8. Minute Gelb sah, fasste die Misere ehrlich zusammen: "Wir wollten mutig sein, aber dann war der Ball irgendwie nie bei uns." Man könnte fast Mitleid haben - wenn Guayana nicht so herrlich kompromisslos gespielt hätte. Nach Abpfiff wurde Carmody zum Mann des Abends gewählt. Zwei Tore, unermüdlich, frech, effektiv. "Ich hab einfach Spaß gehabt", grinste er und verschwand mit dem Spielball unterm Arm. Und während die Fans noch "¡Guayana, Guayana!" sangen, stand Emil Freier stoisch an der Seitenlinie und kritzelte Notizen in sein Büchlein. Ob da wohl stand: "Nächstes Mal mitspielen"? Ein augenzwinkerndes Schlusswort: Wenn Fußball ein Tanz wäre, dann war Zulia an diesem Abend der unbeholfene Partner, der ständig auf die Füße tritt. Guayana dagegen drehte Pirouetten - und ließ 29.926 Zuschauer beschwingt nach Hause gehen. 03.05.643987 10:25 |
Sprücheklopfer
Ich will jetzt nicht noch zusätzlich Feuer ins Öl gießen.
Friedel Rausch