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Wenn 34.417 Zuschauer an einem frostigen Januarabend im Carouge-Stadion ausharren, dann muss man ihnen eines lassen: Sie lieben das Drama. Und Drama bekamen sie - nur anders, als die Statistik es erwarten ließ. 20 Torschüsse für SC Carouge, ganze drei für Rot-Weiss Zürich - und doch endete das Duell am 8. Spieltag der 1. Liga Schweiz mit einem 1:1. Fußball, dieser launische Freund, schrieb mal wieder seine eigenen Gesetze. Schon in der Anfangsphase machte Carouge klar, wer Herr im Haus sein wollte. Jannis Neumann, der 34-jährige Linksaußen mit der Eleganz eines Dirigenten und der Hartnäckigkeit eines Presslufthammers, prüfte den Zürcher Keeper Harry Craven gleich mehrfach. Nach vier Minuten, nach sieben, nach acht - immer wieder rauschte der Ball gefährlich durch den Strafraum. "Ich dachte irgendwann, der Ball hat was gegen mich persönlich", lachte Neumann später. Doch in der 22. Minute hatte er genug von der Höflichkeit. Nach einem präzisen Zuspiel von Rechtsverteidiger James Nicksay traf Neumann flach ins rechte Eck. 1:0, verdient und erlösend. Trainer Stefan Häusler riss die Arme hoch, die Tribüne tobte, und sogar der Stadionsprecher klang, als hätte er gerade im Lotto gewonnen. Aber wie das so ist mit der Freude: Sie blieb nicht lange. Kurz vor der Pause, in der 41. Minute, schlug Zürich zu - eiskalt, zum ersten Mal und gleich erfolgreich. Harrison MacRae, der schottische Flügelmann mit der Vorliebe für trockenen Humor und trockene Schüsse, nutzte den ersten echten Angriff der Gäste. Nach einem langen Ball von Innenverteidiger Carlos de Vivar drosch MacRae den Ball unter die Latte. 1:1 - und plötzlich sahen die 20 Carouger Torschüsse ziemlich nutzlos aus. "Wir wollten abwarten und Carouge kommen lassen", erklärte Zürichs Trainer (dessen Name in der Statistik unaufgezeichnet bleibt, aber dessen Grinsen Bände sprach). "Hat ganz gut funktioniert - zumindest einmal." Carouge dagegen wirkte nach dem Ausgleich leicht konsterniert. Die Offensive blieb zwar bemüht, aber das Tor schien wie verriegelt. Heinz Mann, der 18-jährige Mittelstürmer, probierte es mehrfach, Joseph Bourgeois, ebenfalls 18, rannte und schoss, als wolle er das Durchschnittsalter des Teams senken - vergeblich. Die zweite Halbzeit begann mit einem kuriosen Wechsel: Torwartwechsel bei Carouge! Janos Zele kam für den 19-jährigen Marek Dobias. "Marek hatte ein leichtes Ziehen", erklärte Häusler später, "und Janos wollte eh zeigen, dass er noch lebt." Zele zeigte das eindrucksvoll - indem er in der 56. Minute MacRaes zweiten Versuch abwehrte. Dann der Schreckmoment in der 68. Minute: Torschütze Neumann verletzte sich bei einem Zweikampf. "Ich hab nur einen Schlag gespürt und dachte, das war’s jetzt mit dem Abendessen", scherzte er später mit Eisbeutel am Oberschenkel. Sein Ausfall dämpfte den Offensivdrang zwar nicht völlig, aber der Rhythmus war dahin. Rot-Weiss Zürich verteidigte das Unentschieden mit stoischer Ruhe und gelegentlichem Foul - Bruno Schrader sah dafür die gelbe Karte. Insgesamt verteilte Schiedsrichter Meier drei Verwarnungen, zwei davon an Carouge (Helmut Abbadie und der junge Claus Breze). Die Statistik bleibt ein Kuriosum: 45,6 Prozent Ballbesitz für Carouge, 54,4 für Zürich, aber eine Schussbilanz von 20:3 für die Hausherren. Oder wie Trainer Häusler es formulierte: "Wir haben alles gemacht, außer das zweite Tor." In der 89. Minute hatte Philippe Turcotte den Sieg noch auf dem Fuß, doch Craven fischte den Ball mit einer Flugeinlage aus der Ecke, die sogar im Ballett Applaus bekommen hätte. "Ich hab einfach gehofft, dass er dahin schießt, wo ich springe", grinste der Keeper. Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierte das Publikum trotzdem. Carouge hatte gekämpft, gebrannt, geschossen - aber nicht gewonnen. Rot-Weiss Zürich hatte überlebt, verteidigt und mit minimalistischem Fußball maximal gepunktet. "Ein Punkt ist ein Punkt", sagte MacRae mit einem Schulterzucken und verschwand lächelnd im Tunnel. Häusler dagegen stand noch lange auf dem Rasen, die Hände in den Taschen, und murmelte etwas von "Chancenverwertung" und "Fußballgöttern". Und die Moral des Abends? Manchmal gewinnt eben nicht der Fleißige, sondern der Effiziente. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne lakonisch meinte: "Wenn Schüsse zählen würden, wären wir Meister." Ein 1:1, das sich für Carouge wie eine Niederlage anfühlt - und für Zürich wie ein kleines Fußballwunder. 10.04.643987 04:03 |
Sprücheklopfer
Ich bin gespannt auf den ersten Augenblick, wenn er auf dem Spielfeld erstmals wegen seiner Erkrankung von einem Gegenspieler dumm angemacht wird. Wenn er ihm dann in die Eier tritt, dann weiß ich, dass er gesund ist.
Uli Hoeneß zum Gesundheitszustand von Sebastian Deisler