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Manchmal erzählt ein Fußballspiel Geschichten, die kein Drehbuchautor schöner schreiben könnte - und manchmal erzählt es einfach nur eine von verpassten Chancen, gelben Karten und einem 17-jährigen Jungen, der plötzlich zum Helden wird. So geschehen am 4. Spieltag der 1. Liga Uruguay, wo CD Cerrense beim heimstarken Parque del Plata mit 3:2 gewann. 32.904 Zuschauer im Estadio Municipal erlebten einen Abend, der von purem Offensivdrang und taktischer Sturheit geprägt war. Die Gastgeber begannen mit viel Ballbesitz - 53 Prozent über die gesamte Partie -, als wollten sie den Ball lieber behalten, als ihn im Tor unterzubringen. Schon nach zwei Minuten prüfte Alexander Gayheart den gegnerischen Keeper mit einem satten Schuss, doch Thierry Benveniste im Cerrense-Tor war hellwach. Auf der anderen Seite ballerte Kay Schäfer gefühlt alle fünf Minuten aufs Tor, als wolle er die Latte persönlich beleidigen. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen", grinste Cerrenses Trainer Leahcim Gnipeur später, "aber ich glaube, Kay hat mehr Schüsse als wir Ecken hatten." In der 27. Minute dann der erste Treffer: Riley Anderson, der flinke Linksfuß der Gäste, traf nach feiner Vorarbeit von Rechtsverteidiger Ricardo Menendo zum 0:1. Parque del Plata wirkte überrascht - nicht, weil das Tor unverdient kam, sondern weil es endlich fiel. "Wir waren gut im Spiel, aber anscheinend hatte der Ball andere Pläne", sagte Heim-Kapitän Mario Costinha mit einem schiefen Lächeln. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild kaum: Cerrense blieb offensiv und Parque del Plata hielt trotzig dagegen. In der 47. Minute dann der erste Schockmoment: Noe Tonel verletzte sich am rechten Knöchel und musste raus. Für ihn kam Jose Maria Aguas - der später noch für Gesprächsstoff sorgen sollte, allerdings mehr durch Gestik als durch Glanzmomente. In der 53. Minute brandete Jubel auf: Humberto Domingos, der bullige Rechtsaußen von Parque del Plata, traf nach einem wuchtigen Kopfball zum 1:1. Der Stadionsprecher brüllte seinen Namen so oft, dass man meinen konnte, Domingos hätte das Stadion gebaut. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", gestand der Torschütze lachend, "und gehofft, dass keiner im Weg steht." Doch Cerrense blieb unbeeindruckt. In der 66. Minute kombinierten sich die beiden Flügelstürmer Schäfer und Meira mit jugendlicher Frechheit durch die Abwehr - und Salvador Meira vollendete eiskalt zum 1:2. "Das war ein Tor wie aus dem Lehrbuch", lobte Trainer Gnipeur, "nur dass wir das Buch vorher nicht gelesen hatten." Die Hausherren warfen nun alles nach vorn. Noe Barros, trotz Gelber Karte aus der ersten Halbzeit, ackerte auf links, als wolle er Buße tun. Seine Flanke in der 78. Minute fand erneut Domingos, der den Ball aus kurzer Distanz zum 2:2 ins Netz drückte. Das Stadion bebte, Bierbecher flogen, und selbst der Linienrichter grinste kurz. Doch der Fußballgott hatte eine Vorliebe für Dramaturgie - und für Teenager. Nur zwei Minuten später, in der 80., traf der 17-jährige Rafael Alvaro für Cerrense zum 2:3. Nach einem cleveren Pass von Christian Petrizzi blieb der Youngster eiskalt und schob überlegt ein. "Ich hab gar nicht nachgedacht", sagte Alvaro nach dem Spiel. "Vielleicht war das gut so." Sein Trainer dagegen klopfte ihm nur auf die Schulter und murmelte: "Er soll sich jetzt nicht für unsterblich halten - aber ein bisschen darf er schon." In der Schlussphase versuchte Parque del Plata noch einmal alles. Santiago Ochoa prüfte Benveniste in der 89. Minute ein letztes Mal - doch der Torhüter reagierte glänzend. Danach pfiff der Schiedsrichter ab, und die Cerrense-Spieler lagen sich in den Armen, während die Gastgeber fassungslos auf die Anzeigetafel starrten. Statistisch gesehen war es ein enges Spiel: 7 zu 16 Torschüsse, dazu fast ausgeglichene Zweikampfwerte. Doch der Unterschied lag in der Konsequenz. Cerrense spielte zielstrebiger, Parque del Plata schöner - und wie so oft gewann am Ende die Effizienz. "Wir haben zu viel gewollt und zu wenig getroffen", sagte Heimtrainer Caballero (der Name war Programm - er nahm die Niederlage sportlich). "Aber immerhin hatten wir den schöneren Ballbesitz." Cerrense-Coach Gnipeur konterte trocken: "Schön spielen ist gut. Gewinnen ist besser." Und irgendwo in der Ecke des Stadions stand ein 17-jähriger Junge, der gerade die Schlagzeilen für den nächsten Morgen geschrieben hatte. Vielleicht ist das der schönste Moment im Fußball: wenn ein Teenager lächelt, die Fans toben - und selbst der Reporter kurz vergisst, dass er eigentlich neutral bleiben sollte. 03.07.643990 20:18 |
Sprücheklopfer
Andere erziehen ihre Kinder zweisprachig, ich beidfüßig.
Christoph Daum