// Startseite
| Athlitiki Icho |
| +++ Sportzeitung für Griechenland +++ |
|
|
|
Wer in der kühlen Januar-Nacht im Stadion von Chersonissos saß, bekam für sein Eintrittsgeld mehr geboten, als so mancher Fan in einer ganzen Saison erlebt. Acht Tore, ein Innenverteidiger mit Torinstinkt und ein Teenager, der die Bühne eroberte - das 5:3 (2:2) gegen Koropi war eine Partie, die man nur mit einem Wort beschreiben kann: griechisch. Schon nach acht Minuten ging’s los wie auf dem Rummelplatz. Jake Lancaster, der englische Linksaußen, nahm einen Pass von Nico Hartmann mit der Eleganz eines Tänzers und drosch den Ball ins Netz. "Ich wusste gar nicht, dass ich so früh schon wach war", witzelte Lancaster später im Kabinengang. Doch die Freude währte genau 60 Sekunden - Petros Tsitsis antwortete postwendend, als wollte er sagen: "Nicht mit uns!" Bruder Andronikos flankte, Petros nickte ein. Und weil es offenbar niemandem im Stadion langweilig werden sollte, legte Koropi in der 13. Minute gleich nach. Jose Estevez, ein 33-jähriger Routinier, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von Adrianos Kampantais ins Eck - 1:2. Trainer Harry Kane von Chersonissos, an der Seitenlinie ohnehin ein Mann der Gesten, warf daraufhin seine Mütze ins Gras und brüllte: "Macht doch mal einer hinten zu!" Einer machte - und zwar vorne. In der 19. Minute stieg Innenverteidiger Aaron Warriner nach einer Ecke hoch, köpfte auf Sturmpartner Hugo Mattson, der den Ball über die Linie drückte. 2:2! "Wenn die Verteidiger anfangen, Tore vorzubereiten, weißt du, dass alles möglich ist", grinste Kane später. Die erste Hälfte endete mit Gelben Karten für Gerhard Block und Orfefs Nafpliotis, aber auch mit viel Applaus von den 21.284 Zuschauern. "Ein schöner Abend für alle, die Verteidigung für überbewertet halten", raunte ein Reporter-Kollege neben mir. Nach dem Seitenwechsel kam Koropi noch einmal mit Schwung. Wieder war es Petros Tsitsis, der in der 57. Minute nach Vorlage des jungen Lukas Dranias traf - 2:3. Kane raufte sich die Haare, doch anstatt den Bus zu parken, schob Chersonissos den Turbo rein. Nur sechs Minuten später war es wieder Warriner, diesmal selbst als Torschütze. Der Innenverteidiger stand plötzlich dort, wo Mittelstürmer wohnen, und verwandelte nach Zuspiel des 17-jährigen Theodoros Fyssas. 3:3. "Ich sag’s ja: Aaron ist unser neuer falscher Neuner", lachte Kane. Und Warriner hatte offenbar Blut geleckt. In der 71. Minute, wieder nach einem Pass von Hartmann, drosch er den Ball unter die Latte - 4:3. Ein Innenverteidiger-Doppelpack, man sieht’s nicht alle Tage. "Ich hab früher mal vorne gespielt… also, auf der Playstation", scherzte Warriner nach dem Spiel. Den Schlusspunkt setzte dann der Jüngste: Theodoros Fyssas, 17 Jahre alt, ließ in der 76. Minute die Fans endgültig durchdrehen. Nach klugem Zuspiel von Block schlenzte er den Ball ins Eck - 5:3. "Ich hab nur gemacht, was Gerhard gesagt hat: einfach schießen!", erzählte der Nachwuchsspieler, noch leicht errötet vom Jubel der Kurve. In der Schlussphase wurde’s noch hitzig. Der junge Efthymios Tsiartas sah Gelb, und Koropi versuchte, mit langen Bällen zu retten, was zu retten war. Doch Chersonissos stand plötzlich stabil - vielleicht, weil die Abwehrspieler längst alle vorne ihr Glück gefunden hatten. Statistisch war’s fast ausgeglichen: 51,6 Prozent Ballbesitz für Chersonissos, 17 Torschüsse gegenüber 9 von Koropi. Doch wer das Spiel gesehen hat, weiß: Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Es war ein offenes Feuerwerk, ein Abend, an dem die Defensive nur theoretisch existierte. "Ich liebe solche Spiele", schwärmte Kane. "Manchmal musst du Chaos zulassen, um Magie zu kriegen." Sein Gegenüber, Koropis Coach (der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte), murmelte nur: "Wir hatten’s im Griff - bis wir’s nicht mehr hatten." So blieb ein Abend, der in Chersonissos wohl noch lange erzählt wird: von einem Innenverteidiger, der doppelt traf, einem Teenager, der die Herzen gewann, und einem Publikum, das sich fragte, ob sie nicht doch aus Versehen ein Beachsoccer-Spiel besucht hatten. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte, mit Ouzo in der Hand: "Fünf Tore, drei Gegentore, null Langeweile - das ist Fußball, mein Freund." 17.03.643987 23:00 |
Sprücheklopfer
Wir sind in der Arena der Buhmann der Nation. Es geht um Millionen, und die Fehlentscheidungen häufen sich. Sobald es strittig wird, wird gegen uns gepfiffen. Da müssen wir das Ding eben wieder abreißen.
Rudi Assauer