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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob der Fußballgott vielleicht heimlich Fan kleiner Vereine ist. 53.913 Zuschauer im Stadio Pier Cesare Tombolato sahen ein Spiel, das in die Geschichtsbücher der US Cittadella eingehen dürfte: ein 4:0 gegen den großen AS Mailand am 4. Spieltag der 1. Liga Italien. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass sich hier keine Lehrstunde für den Außenseiter anbahnte, sondern eher ein Gedicht in Rot und Granat. Lennard Stoll, der 32-jährige Mittelfeldstratege mit der Ruhe eines Schachspielers und dem Schuss eines Vorschlaghammers, eröffnete in der 6. Minute das Torfestival. Nach feiner Vorarbeit von Rechtsverteidiger Frederic Baptiste drosch er den Ball unter die Latte - Mailands Torhüter Alberto Benedetto schaute so verdutzt, als hätte ihm jemand den Spielplan vertauscht. "Ich hab nur gedacht: bitte nicht drüber!", lachte Stoll später. Nur vier Minuten später legte Cittadellas Sturmküken Amaury Brito nach. Der 20-Jährige, der aussieht, als wäre er gerade erst aus der Jugendkabine gestolpert, ließ Mailands Innenverteidiger Grieco und Catalano wie Slalomstangen stehen. Nach Pass von Gyula Lorant schob Brito eiskalt zum 2:0 ein. "Er spielt, als würde er Playstation - nur ohne Controller", witzelte Trainer Michael Schuller nach dem Spiel. Mailand? Nun ja. Die Lombarden wirkten zwar statistisch fast gleichauf beim Ballbesitz (46 Prozent), aber spielerisch so harmlos wie ein Espresso ohne Koffein. Ein einziger Torschuss in 90 Minuten - von Maurizio Serralta in der 26. Minute - war die magere Ausbeute. Trainer Onerom Jackson stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und murmelte angeblich: "Wir wollten offensiv spielen, aber vergessen, wie das geht." Cittadella dagegen spielte, als ginge es um die Meisterschaft. 24 Torschüsse, präzises Kurzpassspiel und eine Mannschaft, die jeden Zweikampf annahm, als hinge der letzte Parkplatz in der Stadt davon ab. Besonders auffällig: das Mittelfeld-Trio Stoll, Oliveira und Tobollik, das Mailand immer wieder in die eigene Hälfte drückte. Nach der Pause wurde es noch bitterer für die Gäste. In der 65. Minute durfte Stanislav Tobollik ran. Der rechte Mittelfeldspieler, sonst eher als Dauerläufer bekannt, nahm eine Flanke des gerade eingewechselten Michele Belcastro volley - 3:0. Der Jubel war so laut, dass vermutlich in Padua die Fensterscheiben vibrierten. Und weil ein Feuerwerk selten ohne Finale auskommt, setzte erneut Amaury Brito den Schlusspunkt. In der 82. Minute kombinierte sich Cittadella sehenswert durchs Zentrum, Stoll legte quer, und Brito verwandelte zum 4:0. Es war sein zweiter Treffer des Abends und das Signal für die Fans, endgültig die Stimme zu verlieren. Die Szene des Spiels gehörte aber vielleicht gar keinem Torschützen: In der 71. Minute verletzte sich Flügelspieler Julian Gonzalo nach einem Sprint - er wurde unter Applaus durch Alexander Albrecht ersetzt. Gonzalo grinste beim Abgang: "Ich wollte nur Applaus abholen." Trainer Schuller zeigte sich nach dem Schlusspfiff gewohnt trocken: "Wenn du gegen Mailand vier Tore machst, darfst du dich freuen - aber bitte erst nach dem Duschen." Sein Gegenüber Jackson hingegen wirkte ratlos: "Wir hatten einen Plan A, aber Cittadella hatte A bis Z." Die Statistik unterstreicht die Dominanz: 58,8 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 24 Schüsse auf das Tor, 54 Prozent Ballbesitz - das sind Zahlen, die man sonst aus den Trainingsspielen der Favoriten kennt. Nur dass diesmal der Favorit woanders stand. Im Stadion herrschte nach Abpfiff Volksfeststimmung. Kinder posierten mit Brito, ältere Herren schüttelten Stolls Hand, und irgendwo im Hintergrund summte jemand die Vereinsmelodie, als wäre es die Nationalhymne. Ob Cittadella nun zum Geheimfavoriten taugt? "Wir bleiben auf dem Teppich", sagte Schuller. "Aber wenn der Teppich fliegt, beschweren wir uns auch nicht." Ein Abend, der zeigte: Manchmal schlägt Leidenschaft Tradition, und manchmal reicht ein kleiner Klub, um einen großen Mythos ein bisschen alt aussehen zu lassen. Mailand wird diese Nacht vergessen wollen - Cittadella nie. 22.02.643987 23:05 |
Sprücheklopfer
Es war toll, es war klasse, es war wie ein Albtraum.
Torsten Legat nach einem hohen Heimsieg