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Ein lauer Abend in Durango, 51.045 Zuschauer und ein Spiel, das zunächst wie ein Lehrvideo über verpasste Chancen begann - ehe sich die Alacranes im Stile ihres Namens, der Skorpione, doch noch den entscheidenden Stich bewahrten. Mit 3:2 (2:1) besiegte das Team von Trainer Manni Kaltz am 8. Spieltag der 1. Liga Mexico die Toros Neza in einer Partie, die alles bot: frühe Euphorie, zittrige Verteidigung, jugendlichen Übermut - und einen späten Helden namens Bjarke Therkildsen. Schon nach elf Minuten bebte das Estadio Francisco Villa. Pedro Triguero, der quirlig-gefährliche Rechtsaußen der Alacranes, drückte nach Vorarbeit von Toni Kolkka den Ball über die Linie. "Ich dachte, ich treffe ihn zu voll - aber zum Glück war das Tor groß genug", grinste Triguero später. Keine fünf Minuten danach hätte Humberto Varela erhöhen können, scheiterte aber gleich zweimal an Toros-Keeper Simcha Alberman, der an diesem Abend zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Doch die Skorpione stachen weiter. In der 39. Minute tauchte plötzlich Innenverteidiger Baltsar Nelsen am gegnerischen Fünfmeterraum auf - offenbar hatte er vergessen, dass er eigentlich hinten gebraucht wurde - und wuchtete eine Triguero-Flanke ins Netz. "Ich war halt schon mal da", meinte Nelsen trocken. Zwei Minuten später allerdings erinnerte Ezequiel Galindez die Gastgeber daran, dass auch Stiere Hörner haben. Der junge Linksaußen traf nach Pass von Tiago Alvaro zum 2:1-Anschluss - und brachte die 44 Prozent Ballbesitz der Gäste mit maximaler Effizienz ins Spiel. In der Pause sah man Manni Kaltz gestikulierend an der Seitenlinie. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon führt, dann tut wenigstens so, als würdet ihr verteidigen", erzählte er später mit einem Schmunzeln. Doch die Mahnung verhallte. Toros Neza kam giftig aus der Kabine, und in der 65. Minute war es wieder Galindez, der nach feinem Zuspiel von Manuel Quixano zum 2:2 traf. Der 23-Jährige feierte mit einer Pirouette, die mehr nach Tanzschule als nach Torschütze aussah - aber das Stadion verstummte kurz. Kaltz reagierte, brachte den frischen Rechtsverteidiger Cristobal Enrico für den gelbverwarnten Ivan Alvaro. "Ivan wollte gerade zum Tackling ansetzen, da dachte ich: besser jetzt wechseln, bevor er das Stadion leergrätscht", witzelte der Trainer. Und tatsächlich stabilisierte sich Durango, übernahm wieder das Kommando. Die Statistik sprach da längst klar: 16 Torschüsse, 55,7 Prozent Ballbesitz, ein Pressing, das gegen Ende des Spiels auf "anfallartig" umschaltete. In der 88. Minute dann der finale Stich: Humberto Varela tankte sich über links durch, legte quer, und Bjarke Therkildsen - der bis dahin eher unauffällig, aber stets lauernd - drosch den Ball mit links unter die Latte. Das Stadion explodierte. "Ich habe gar nicht gesehen, wo er rein ist", meinte Therkildsen später. "Ich hab nur Manni brüllen hören - da wusste ich, es war drin." Toros-Coach Klaus Bischoff sah es mit bitterem Humor: "Wir haben zwei Tore auswärts geschossen, das ist ja eigentlich genug, wenn man nicht drei kassiert." Seine Elf hatte trotz zehn eigener Abschlüsse nie das Gefühl vermitteln können, die Partie wirklich kontrollieren zu können. Zu ausgeglichen wirkte das Angriffsspiel, zu brav das Pressing - das laut Statistik in allen Phasen des Spiels schlicht "NO" betrug. Am Ende jubelten die Skorpione, die Stiere senkten die Köpfe. Ein Spiel mit Biss, das trotz seiner Wendungen nie die Linie verlor. Und irgendwo zwischen Pedros frühem Treffer, Nelsens Abenteuerdrang und Therkildsens spätem Kracher stand ein Trainer mit verschränkten Armen und murmelte: "Fußball ist kein Schach, aber heute war’s ganz schön knapp vorm Matt." Das Publikum ging zufrieden nach Hause, viele mit heiserer Stimme, einige mit der Überzeugung, dass in Durango wieder etwas wächst. Vielleicht kein Titelkandidat, aber ein Team, das weiß, wie man sticht - und wann. Und während die Flutlichter erloschen, hörte man aus der Kabine der Alacranes noch Gelächter. Einer rief: "Nächste Woche bitte weniger Drama, Manni!" Worauf Kaltz trocken antwortete: "Ohne Drama ist’s kein Fußball." Ein Satz, der an diesem Abend in Durango wohl jeder unterschreiben konnte. 10.04.643987 03:40 |
Sprücheklopfer
Schwach wie eine Flasche leer!
Giovanni Trappatoni