// Startseite
| Elfmeter |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein kalter Januarabend in Wieseck, aber die knapp 3000 Zuschauer im kleinen Stadion bekamen schnell warme Hände - beim Klatschen, beim Kopfschütteln und beim Wischen von Bratwurstfett über die Jacke. Am 7. Spieltag der Verbandsliga F zeigte Dynamo Berlin, dass jugendlicher Leichtsinn auch mal mit gnadenloser Effizienz verwechselt werden kann. 3:1 hieß es nach 90 umkämpften Minuten, und die Gäste aus der Hauptstadt ließen die routinierte TSG Wieseck phasenweise ziemlich alt aussehen. Schon nach fünf Minuten war die Berliner Marschroute klar: Raphael Fuchs, 22 Jahre jung, aber mit der Abgeklärtheit eines alten Hasen, nutzte den ersten echten Angriff eiskalt. Nach einem klugen Pass des erst 18-jährigen Deniz Sancakli rauschte Fuchs in den Strafraum, zog ab - und ehe Torwart Michael Albrecht überhaupt "Abseits?" rufen konnte, zappelte der Ball im Netz. 0:1, kalte Dusche, noch bevor die Wiesecker Abwehr ihre Positionen sortiert hatte. "Wir wollten eigentlich ruhig anfangen", sagte TSG-Kapitän Sean Lorring später mit trockenem Humor. "Aber Dynamo hatte da offenbar andere Pläne." Die Wiesecker, mit 52 Prozent Ballbesitz eigentlich Herr im eigenen Haus, fanden nur selten Mittel gegen die laufstarken Berliner. Acht Torschüsse standen am Ende 18 der Gäste gegenüber - und das war kein Zufall. Während Dynamo-Coach Tim Ancelotti an der Seitenlinie wild gestikulierte, wirkte sein Team, als hätte es eine Batterie mehr im Tank. "Ich sagte den Jungs vor dem Spiel: Wenn ihr schon so jung seid, dann lauft gefälligst auch so!", grinste Ancelotti nach Abpfiff. Und seine Teenager-Combo - mit Spielern wie Ben Eder (18), Kevin Bader (17) und Marco Ferrer (19) - nahm ihn beim Wort. Nach der Pause ging es Schlag auf Schlag. In der 50. Minute legte Andreas Gebhardt, der mit 31 Jahren fast schon als Vereinsopa durchgeht, das 0:2 nach. Eine Direktabnahme, butterweich von Fuchs vorbereitet. Zwei Minuten später keimte kurz Hoffnung auf: Wiesecks Stürmer Jiri Klinka, ebenfalls 33, drückte den Ball nach schöner Vorarbeit von Wilhelm Stahl über die Linie. Das 1:2 - und plötzlich war das Publikum wieder wach. "Da dachten wir: Jetzt kippt’s vielleicht", gab Dynamo-Verteidiger Joschua Ebert zu, der später noch Gelb sah, "aber dann hat Marco einfach sein Ding gemacht." Marco Ferrer, 19, ließ in der 58. Minute seinen Gegenspieler aussehen wie einen Mann, der versehentlich in der falschen Sportart gelandet ist. Ein kurzer Haken, ein Schuss aus spitzem Winkel - 1:3. Der Rest war dann Berliner Verwaltungsarbeit mit Pressing nach Lehrbuch. Wieseck zeigte Moral, rannte an, schoss noch ein paar Mal aus der zweiten Reihe - besonders Andreas Baumann (26) versuchte sich mehrfach aus der Distanz, aber es blieb beim Versuch. "Ich habe das Tor schon aufgehen sehen", stöhnte Baumann später, "aber dann war da plötzlich dieser 18-jährige Keeper, der aussah, als hätte er Spiderman-Handschuhe an." Gemeint war Matej Moder, Dynamos Torwart, der mit einer Glanzparade in der 70. Minute endgültig alle Wiesecker Hoffnungen zunichte machte. Gelbe Karten gab’s auch: Pawel Bonew (Berlin) sah früh Gelb für ein rustikales Einsteigen, später erwischte es bei Wieseck Ondrej Grygera (63.) und Bernt Hennig (85.) - sinnbildlich für den wachsenden Frust der Gastgeber. "Ich wollte nur den Ball spielen", behauptete Hennig nach dem Spiel, "aber der Ball war halt schneller als ich." Taktisch blieb Wieseck brav balanciert, während Dynamo trotz Führung weiter offensiv dachte. Ancelottis Jungs spielten, als gäbe es kein Morgen - und vielleicht war genau das ihr Erfolgsgeheimnis. Nach dem Abpfiff klatschte der Berliner Trainer jeden seiner Spieler ab, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. "Wir sind keine Mannschaft, wir sind ein Jugendzentrum mit Ballgefühl", witzelte er. Wiesecks Trainer - namentlich leider nicht überliefert, aber sichtbar frustriert - verschwand wortlos in der Kabine. Nur ein leises "Das war zu einfach" war noch zu hören. Und so bleibt am Ende ein Ergebnis, das nüchtern 1:3 lautet, aber sich für die Hausherren wie eine Lehrstunde anfühlte. Dynamo Berlin hat gezeigt, dass Mut manchmal jugendlicher Leichtsinn in Tarnuniform ist - und dass man mit Tempo, Technik und ein bisschen Frechheit auch erfahrene Gegner aushebeln kann. Die 2969 Zuschauer gingen nach Hause mit dem Gefühl, ein Spiel gesehen zu haben, das mehr versprach, als Wieseck halten konnte - und mit dem stillen Respekt vor einer Berliner Truppe, die an diesem Abend einfach schneller dachte, lief und schoss. Oder wie Raphael Fuchs es lächelnd zusammenfasste: "Manchmal reicht’s, wenn man einfach Spaß hat." Endstand: TSG Wieseck - Dynamo Berlin 1:3 (0:1). Tore: Fuchs (5.), Gebhardt (50.), Klinka (52.), Ferrer (58.). Zuschauer: 2969. 29.03.643987 12:14 |
Sprücheklopfer
Die Schweden sind keine Holländer - das hat man ganz genau gesehen.
Franz Beckenbauer