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Es war Valentinstag in Berlin, aber im Sportforum gab es keine Rosen, sondern Tore - und zwar neun davon. Dynamo Berlin schenkte dem FC Bruchsal am 8. Spieltag der Oberliga C gleich ein ganzes Bouquet an Treffern und gewann mit 9:0 (6:0). 3517 Zuschauer erlebten einen Abend, der irgendwo zwischen Gala und Slapstick oszillierte - zumindest, wenn man Bruchsal-Fan war. Das Spiel war kaum angepfiffen, da hatte Petar Michailow schon getroffen. In der ersten Minute! Und weil ihm das offensichtlich Spaß machte, legte der 19-jährige Linksaußen in der zweiten Minute gleich nach. "Ich dachte, das Spiel geht erst richtig los, wenn’s dunkel ist", grinste Michailow später, "aber dann lag der Ball schon zweimal drin." Der junge Bulgare war an diesem Abend ohnehin nicht zu halten. Nach neun Minuten machte er seinen Hattrick perfekt - und das Publikum war elektrisiert. Trainer Tim Ancelotti, der mit verschränkten Armen und milder Fassungslosigkeit an der Seitenlinie stand, sagte: "So ein Start bricht dir eigentlich den Taktikblock. Nach fünf Minuten kannst du alles durchstreichen." Doch Dynamo hatte noch nicht genug. Marco Talarico erhöhte in der 28. Minute nach Vorarbeit von Richard May auf 4:0. Raphael Fuchs (34.) und der aufgerückte Rechtsverteidiger Matthias Klose (35.) machten das halbe Dutzend vor der Pause voll. Manfred Wieland, der Bruchsaler Coach, stand da wie ein Mann, der seine Brille in einem Sturm sucht. "Was soll ich sagen? Wir waren nicht da", murmelte er später ins Mikrofon. Zur Pause wirkte Dynamo fast gelangweilt. 18 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, sechs Tore - das roch nach einem lauen Trainingsabend. Doch die Berliner hatten offenbar noch Energie übrig. Drei Minuten nach Wiederanpfiff traf Ben Eder (48.) nach Vorlage von Michailow. Dann durfte auch Routinier Julian Meireles (51.) ran, der sich den Ball von David Fontàs servieren ließ. "Ich wollte eigentlich den Jungen den Vortritt lassen", meinte der 31-Jährige schmunzelnd, "aber irgendwann juckt’s halt in den Füßen." Als Richard May in der 77. Minute den neunten Treffer erzielte, war der FC Bruchsal längst psychologisch abgemeldet. Die Gäste hatten zwar ihre drei Torschüsse - alle halbherzig, alle von außerhalb des Strafraums -, aber Dynamo-Keeper Samuel Devaney blieb beschäftigungslos. Einmal, in der 62. Minute, musste er sich sogar bücken, um den Ball aufzunehmen. Das Publikum applaudierte ironisch. Bruchsals einziges Highlight: Eine gelbe Karte für den 17-jährigen Marco Kirsch in der 61. Minute. "Er wollte wenigstens zeigen, dass wir da sind", meinte Trainer Wieland trocken. Und tatsächlich: Sein Team hatte da schon länger aufgehört, ernsthaft gegenzuhalten. Taktisch blieb das Spiel simpel: Dynamo spielte durchweg offensiv, mit ausgewogenem Passspiel, aber ohne Pressing. Selbst das "kein Pressing" sah aggressiver aus als alles, was Bruchsal an diesem Abend zustande brachte. Die Gäste versuchten, mit langen Bällen zu kontern - eine Strategie, die so fruchtbar war wie ein Regenschirm im Orkan. Nach dem Schlusspfiff klatschte das Berliner Publikum höflich. Es war kein nervenaufreibendes Drama, kein Last-Minute-Sieg - eher eine Kunstvorstellung. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", lachte ein Fan auf der Tribüne, "ich dachte, das ist schon das Elfmeterschießen." Trainer Ancelotti lobte seine Mannschaft, blieb aber auf dem Boden: "So ein Spiel darf nicht blenden. Nächste Woche gibt’s wieder Gegner, die sich wehren." Petar Michailow hingegen wirkte, als wolle er gleich noch eine Halbzeit dranhängen: "Ich hab in der Jugend mal vier Tore gemacht, das war mein Rekord. Heute war’s fast so weit." Fast - denn trotz neun Toren blieb ihm das vierte verwehrt. Doch die Berliner Youngsters ließen keinen Zweifel, dass sie derzeit der Liga enteilen. Und Bruchsal? Die werden sich an der Rückfahrt festhalten wie an einer langen Denkpause. Vielleicht hat Wieland in der Kabine gesagt, was jeder dachte: "Manchmal ist Fußball einfach grausam ehrlich." So endete ein Abend, der in die Annalen der Oberliga C eingehen dürfte - als Valentinstag der anderen Art. Keine Herzen, keine Blumen, aber ganz sicher: jede Menge Schüsse ins Bruchsaler Tor. 19.08.643990 00:05 |
Sprücheklopfer
Schach ist für mich neben Fußball der schönste Sport, weil es aufgrund der Figuren auch ein Mannschaftssport ist.
Felix Magath