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In Cosenza war am Freitagabend alles angerichtet für einen dieser typischen Abende der 3. Liga Italien: Flutlicht, 8.155 Zuschauer, ein Hauch von Nebel und ein Gegner, der partout nicht wusste, wann Schluss ist. Am Ende hieß es 1:0 für die Hausherren - ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet knapp, emotional aber fast episch war. Schon in der fünften Minute bebte das Stadio San Vito. Damiano Lungro, der Rechtsaußen mit dem Antritt eines Espresso-Express, zog nach kluger Vorarbeit von Marcello Giordano von rechts nach innen und traf flach ins lange Eck. Der Jubel war ohrenbetäubend, und Lungro riss die Arme hoch, als hätte er gerade das entscheidende Tor im Champions-League-Finale erzielt. "Ich habe einfach draufgehalten", grinste er später, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkplatz landet." Was dann folgte, war ein Spiel, das man mit einem Augenzwinkern als Lehrvideo für die Kunst des leidenschaftlichen Verteidigens verkaufen könnte. Cosenza, taktisch "balanciert" eingestellt, zog sich nach der frühen Führung zurück, als hätte Trainer Beyer - pardon, das war der auf der anderen Seite - ihnen verboten, die Mittellinie zu überqueren. Die Gäste aus Rodengo Saiano hingegen, zunächst defensiv und auf Konter lauernd, schalteten nach der Pause auf "offensiv" um, als würden sie plötzlich merken, dass man ohne Tore schlecht Punkte sammelt. Und sie kamen! Elf Torschüsse zählten die Statistiker für Rodengo Saiano - fast doppelt so viele wie Cosenza. Doch jedes Mal war da Ronald Henning, der 32-jährige Keeper der Gastgeber, der mit der Ruhe eines Mannes agierte, der schon alles gesehen hat. Einmal, in der 69. Minute, als der eingewechselte Gaetano Uffugo aus spitzem Winkel abzog, fischte Henning den Ball so spektakulär aus dem Eck, dass selbst die gegnerische Bank für einen Moment klatschte. "Ich hab’ ihn im Augenwinkel gesehen", sagte Henning danach mit einem Schulterzucken. "Oder vielleicht war’s auch nur Glück. Aber Glück ist ja auch eine Taktik." Rodengo Saiano hatte seine besten Phasen zwischen der 40. und 70. Minute. Luca Cariati, der quirlige Linksaußen, prüfte Henning gleich dreimal, Vincenzo Cerutti scheiterte nach einem Solo an der Latte - wobei das Geräusch des Aluminiumtreffers noch lange in den Ohren der Fans nachhallte. Trainer Jan Beyer, der nach der Pause drei Spieler gleichzeitig brachte, darunter den 17-jährigen Keeper Igor Zunino (!), erklärte später trocken: "Ich wollte frischen Wind. Dass der Wind dann von hinten kam, war nicht geplant." Cosenza selbst brachte offensiv wenig zustande. Nach Lungros Treffer blieb es bei vereinzelten Nadelstichen. Pierpaolo Venturi hatte in der 25. und 54. Minute gute Gelegenheiten, verzog aber knapp. Felipe Mudarra prüfte den Gästetorwart in der 80. Minute noch einmal - das war’s. Der Rest war Zähneknirschen, Krämpfe und Zeitspiel, in dem Bruno Charpentier die hohe Kunst des unauffälligen Ballwegschlagens zur Perfektion brachte. In der 77. Minute wurde es noch einmal hitzig, als Henri Schreiber nach einem rustikalen Einsteigen Gelb sah. Er nahm’s mit Humor: "Ich wollte nur den Ball - und vielleicht ein bisschen den Gegner." Statistisch gesehen war das Spiel ein Muster an Ausgeglichenheit: 50,2 Prozent Ballbesitz für Cosenza, 49,8 für Rodengo Saiano. Nur bei der Zweikampfquote hatten die Gäste leicht die Nase vorn (51,7 Prozent). Doch was zählen Zahlen, wenn am Ende die Anzeigetafel das Entscheidende zeigt: 1:0. Nach dem Schlusspfiff fiel der Jubel in Cosenza fast größer aus, als es ein einzelnes Tor rechtfertigen würde. Trainer der Gastgeber - sein Name blieb im Hintergrund, wie es bei defensiv orientierten Strategen üblich ist - klopfte jedem Spieler auf die Schulter und murmelte etwas von "Charakter und Disziplin". Rodengo Saiano hingegen verließ den Platz mit hängenden Köpfen, aber erhobenem Stolz. "Wir haben alles gegeben", sagte Kapitän Matteo Botricello, "aber manchmal ist Fußball eben kein Gedicht, sondern ein Aufsatz mit zu vielen Kommas." Ein Spiel also, das kein Feuerwerk war, aber ein Lehrstück in Effizienz. Cosenza trifft früh, hält dicht, gewinnt knapp - und feiert trotzdem wie die Großen. Und wer weiß: Vielleicht sagt man in ein paar Wochen, dieses 1:0 war der Moment, in dem die Saison der Kalabresen richtig begann. Oder, um es mit Henning zu sagen: "Manchmal reicht ein Tor, ein Torhüter und eine Portion Glück. Der Rest ist Statistik." 21.04.643987 17:27 |
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