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Wenn ein Innenverteidiger das einzige Tor des Abends schießt, dann weiß man, dass es kein gewöhnlicher Fußballabend war. Tirat Carmel FC gewann am 5. Spieltag der 1. Liga Israel vor 36.134 Zuschauern mit 1:0 gegen die Jerusalem Yellows - und das dank eines beherzten Auftritts ihres Abwehrchefs Ethan Preston. Es war die 16. Minute, als der 34-jährige Preston nach einer Ecke von Joel Miller plötzlich im Strafraum der Gäste auftauchte. "Ich dachte eigentlich, ich soll hinten absichern", grinste der Routinier nach Abpfiff, "aber dann dachte ich mir: Warum nicht mal den Jungen zeigen, wie man’s macht?" Mit einer Mischung aus Erfahrung, Wucht und einem Schuss Glück drückte er den Ball über die Linie - das Tor des Tages. Danach drängte Tirat Carmel weiter. Trainerin Babsi Klemm hatte ihr Team offensiv ausgerichtet, und das merkte man. Ganze 22 Torschüsse feuerten die Gastgeber ab, während die Yellows gerade mal auf fünf zaghafte Versuche kamen. "Wir hätten wohl noch bis Mitternacht spielen können, ohne zu treffen", seufzte Jerusalems Stürmer Kai Hannigan, der zweimal in der Anfangsphase gefährlich wurde, dann aber in der Versenkung verschwand. Vor allem der 17-jährige David Eban sorgte im Sturmzentrum von Tirat Carmel für Wirbel. Der Teenager, offenbar mit grenzenloser Energie und jugendlicher Unbekümmertheit ausgestattet, prüfte den gegnerischen Keeper Marco Maniche gleich sieben Mal - ohne Erfolg. "Ich wollte unbedingt treffen, aber der Ball wollte nicht", sagte Eban später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Frust und Hoffnung lag. "Ethan hat’s gerichtet, das ist mir heute genug." Maniche, der Schlussmann Jerusalems, war tatsächlich der beste Mann seines Teams. Immer wieder flog er, hechtete, brüllte seine Vorderleute zusammen. In der 52. Minute lenkte er einen Schuss von Rahim Erkin spektakulär über die Latte, in der 76. Minute stoppte er erneut Eban im Eins-gegen-Eins. "Ich glaube, ich habe mehr Kilometer in der Luft gemacht als am Boden", scherzte der Torwart nach dem Spiel. Die Yellows dagegen wirkten ideenlos. Ballbesitz? 48 Prozent - also fast ausgeglichen. Aber gefährlich? Eher nicht. Ihr Spiel durch die Mitte blieb Stückwerk, und das Pressing beschränkte sich auf höfliches Begleiten. Trainer Avraham Cohen, der nach dem Spiel ungewöhnlich ruhig blieb, meinte trocken: "Wir haben heute Fußball gespielt, aber leider nicht den, den man gewinnen kann." In der zweiten Halbzeit zog sich Tirat Carmel etwas zurück, blieb aber stets gefährlicher. Rechtsaußen Ivica Jovanovic kurbelte das Spiel an, Linksaußen Rahim Erkin schoss, als wolle er das Netz zerschießen - doch das zweite Tor wollte einfach nicht fallen. Die Zuschauer im Stadion schwankten zwischen Begeisterung und Ungeduld, und als in der 88. Minute erneut Erkin knapp scheiterte, brüllte ein Fan: "Rahim, nimm doch mal den Hammer aus dem Fuß!" Trainerin Babsi Klemm, die nach dem Spiel sichtlich erleichtert wirkte, lobte ihr Team: "Wir wollten mit Mut und Tempo spielen. Dass ausgerechnet Ethan trifft, passt perfekt - hier darf jeder mal glänzen." Auf die Frage, ob sie ihren Abwehrchef künftig öfter in den Sturm schicken wolle, lachte sie: "Nur, wenn er verspricht, auch wieder zurückzulaufen." Jerusalem versuchte es in der Schlussphase noch einmal mit langen Bällen, aber Keeper Edward Whitman im Tor der Gastgeber wurde kaum ernsthaft geprüft. In der 90. Minute hatte Amir Yatom noch eine letzte Gelegenheit, doch sein Schuss war eher ein höflicher Gruß an Whitman als eine echte Herausforderung. Am Ende blieb es beim 1:0 - ein Arbeitssieg, wie er im Buche steht. Tirat Carmel sammelte nicht nur drei Punkte, sondern auch reichlich Selbstvertrauen. "So ein Sieg ist wie ein Espresso doppio", meinte Mittelfeldmann Espen Brinkerhoff grinsend, "kurz, stark und mit Nachgeschmack." Die Fans feierten ihr Team minutenlang, während die Yellows enttäuscht in die Kabine schlichen. 22 zu 5 Torschüsse, 55 Prozent Zweikampfquote, 52 Prozent Ballbesitz - die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Und doch war es kein glattes Spiel, sondern ein zäher, leidenschaftlicher Kampf mit einem Helden, den an diesem Abend niemand erwartet hatte. Oder, wie es Preston selbst formulierte, während er noch den Rasenmustern nachsah: "Ich bin Verteidiger. Mein Job ist es, Tore zu verhindern. Heute hab ich halt mal eins gemacht - man muss ja flexibel bleiben." Ein Satz, der bleiben dürfte - genauso wie die drei Punkte in Tirat Carmel. 06.03.643987 09:32 |
Sprücheklopfer
Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.
Otto Rehhagel