// Startseite
| La Razon |
| +++ Sportzeitung für Argentinien +++ |
|
|
|
Wenn 44.538 Zuschauer an einem warmen Januarabend in La Plata auf den Rängen sitzen, dann riecht die Luft nach Grillwürstchen, Hoffnung - und gelegentlicher Verzweiflung. Am 4. Spieltag der 1. Liga Argentinien trennten sich CD La Plata und die Gäste von Newells Men mit einem 1:1-Unentschieden, das beiden Teams irgendwie zu wenig und gleichzeitig zu viel war. Die Partie begann mit einem vorsichtigen Abtasten, das an ein Tanzduell erinnerte, bei dem beide Partner Angst hatten, sich auf die Füße zu treten. Newells Men, von Trainer Stefan Liebe auf "balanciertes Angriffsspiel" getrimmt, übernahm nach und nach die Kontrolle. Schon in der 11. Minute prüfte Diego Gama den La-Plata-Keeper Pedro Jorge mit einem Schuss, der eher an eine freundliche Bewerbung als an einen Torschuss erinnerte. Doch was sich andeutete, wurde zur Geschichte des Abends: Newells schoss, La Plata hielt. Ganze 17 Mal feuerten die Gäste auf das Tor, doch das Netz blieb auffällig unberührt - zumindest bis zur 67. Minute. "Wir hätten auch mit zwei Bällen spielen können, und trotzdem hätte Jorge alles gehalten", knurrte Newells-Stürmer Nael Pero nach dem Spiel halb im Scherz, halb im Frust. Ironischerweise war es ausgerechnet er, der später den Ausgleich erzielte. Zuvor hatte in der 53. Minute ein 19-jähriger Wirbelwind namens Gustav Michel die Tribünen zum Kochen gebracht. Nach einem Steilpass des routinierten Linksverteidigers Alberto Pelaez sprintete Michel auf und davon, ließ seinen Gegenspieler Sancho so alt aussehen wie die Stadiontribüne und schob trocken zum 1:0 ein. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der Youngster später und bekam dafür von seinem Trainer Leni Malou einen liebevollen Klaps auf den Hinterkopf. Malou, die an der Seitenlinie gewohnt ruhig, fast stoisch wirkte, lobte ihr Team: "Wir haben mit Herz verteidigt. Und manchmal reicht das, um ein Spiel zu gewinnen - oder zumindest nicht zu verlieren." Doch Newells Men, angetrieben von der wachsenden Verzweiflung über die eigene Chancenverwertung, schaltete nach dem Rückstand in den Modus "Wir schießen aus allen Lagen". Das passte, denn laut Taktikprotokoll stellten sie in der zweiten Hälfte auf "ANYTIME"-Schussverhalten um - sinnbildlich für ihre offensive Verzweiflung. In der 67. Minute dann endlich der Lohn: Wieder war es Pero, diesmal mit einem eiskalten Abschluss ins lange Eck. Der Ausgleich war verdient, aber keineswegs selbstverständlich. La Plata, das nur drei Torschüsse im ganzen Spiel verzeichnete, hatte längst auf Ergebnisverwaltung umgestellt - oder, um es mit den Worten eines Fans hinter der Trainerbank zu sagen: "Die spielen, als hätten sie Angst, das Tor zu treffen." Kurz darauf folgte die Gelbe Karte für Juan Pablo Perales, der offenbar beschloss, dass ein taktisches Foul in der 60. Minute eine gute Idee sei. "Ich wollte nur das Spiel beruhigen", erklärte er später - was er auch tat, allerdings nur für die Dauer des Freistoßes. Newells drängte weiter. Zwischen der 70. und 87. Minute schoss allein Nael Pero viermal aufs Tor, als wolle er die Statistik persönlich retten. Doch Pedro Jorge im Kasten von La Plata hatte offenbar beschlossen, zum Mann des Abends zu werden. Nach dem Spiel meinte er trocken: "Wenn sie schon so oft schießen, wäre es unhöflich gewesen, keinen davon zu halten." In der 88. Minute sah dann auch Newells-Verteidiger Ricardo Sancho Gelb, nachdem er Michel an der Mittellinie stoppte - eine Szene, die mehr nach Rugby als nach Fußball aussah. Trainer Liebe kommentierte das mit einem Seufzer: "Manchmal will man den Ball spielen, und der Ball steht halt im Weg." Am Ende blieb es beim 1:1 - statistisch ein Wunder, gefühlt ein Krimi. Newells Men mit mehr Ballbesitz (53 Prozent), besserer Zweikampfquote (57 Prozent) und siebzehn Torschüssen scheiterten an der eigenen Chancenflut. La Plata dagegen machte aus wenig fast alles: drei Schüsse, ein Tor, ein Punkt - Minimalismus in Reinform. "Wir hätten das Ding gewinnen müssen", murmelte Pero beim Abgang, während Gustav Michel auf der anderen Seite mit einem breiten Grinsen Richtung Kabine schlenderte. Trainerin Malou fasste es trocken zusammen: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und wenn man jung ist, fühlt sich selbst ein Unentschieden wie ein Abenteuer an." Ein gerechtes Ergebnis? Vielleicht. Ein spannendes Spiel? Definitiv. Und irgendwo in La Plata wird heute Nacht noch jemand behaupten, er habe gewusst, dass Gustav Michel treffen würde - schon bevor der Ball überhaupt gespielt war. 23.02.643987 01:55 |
Sprücheklopfer
Wir sind nur Underducks.
Rainer Calmund