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An einem frostigen Februarabend, an dem selbst der heiße Glühwein an der Stadionbude irgendwann aufgab, sahen 1.991 Zuschauer in Thannhausen ein Spiel, das keinem kalt ließ. Die TSG Thannhausen unterlag Eintracht Northeim im Landesliga-Duell knapp, aber verdient mit 1:2 (1:1). Und wer sich nach 90 Minuten fragte, wie man mit weniger Ballbesitz (44,6 Prozent) und dafür fast doppelt so vielen Torschüssen (13:6) gewinnen kann, bekam von Northeim-Trainer Tim Picke nach Schlusspfiff die trockenste aller Antworten: "Indem man trifft." Dabei begann alles so, wie es sich die Hausherren gewünscht hatten: kontrolliert, mit viel Ball am Fuß und der Überzeugung, dass man das Spielgeschehen diktieren könne. Thannhausen kombinierte gefällig, suchte über Jakob Schubert und Swen Conrad immer wieder den Weg auf die Flügel. Der erste Warnschuss jedoch kam von Northeims Routiniertem Louis Wilhelm - nach gerade einmal 60 Sekunden. Torhüter Jörg Hummel musste früh die Handschuhe auf Betriebstemperatur bringen. "Da war ich noch gar nicht richtig wach", grinste er später. "Aber Louis hat mir freundlicherweise geholfen." In der 27. Minute wurde es dann ernst. Tobias Probst, der schon vorher auffällig quirlig über rechts gekommen war, setzte sich gegen zwei Verteidiger durch, bekam den Ball von Youngster Christopher Sommer zurückgelegt - und zimmerte das Leder kompromisslos ins lange Eck. 0:1. "Das war so ein Moment, in dem du einfach weißt: Heute läuft’s", meinte Probst. Doch Thannhausen antwortete prompt. Nur zwei Minuten nach dem Rückstand schlug Swen Conrad zu, nach feinem Pass von Lennard Behrens. 1:1 - und das Stadion erwachte endgültig. Der Stadionsprecher überschlug sich, die Bratwurststände meldeten Umsatzrekord. "Da war kurz Volksfeststimmung", kommentierte ein älterer Fan, der die TSG seit 1968 begleitet, "aber die dauerte nicht so lang, wie meine Wurst heiß war." Die zweite Halbzeit begann mit einem Northeimer Feuerwerk. Die Gäste wirkten spritziger, ihr Pressing griff plötzlich, und während Thannhausen weiter auf gepflegte Ballzirkulation setzte, suchte Northeim den direkten Weg. In der 57. Minute fiel folgerichtig das 1:2: Der 18-jährige Lionel Ronaldo - ja, der Name ist echt - vollendete nach einem weiten Ball von Innenverteidiger Maximilian Krueger eiskalt. "Ich hab einfach gedacht: schieß drauf", sagte Ronaldo, noch im Teenager-Alter und schon mit der Coolness eines Altprofis. Wenig später gab’s noch Gelb für den jungen Luca Kühne, nachdem er Paul Buchholz ein wenig zu enthusiastisch vom Ball trennte. Trainer Picke nahm’s gelassen: "Wenn du 17 bist und gegen einen 34-Jährigen spielst, lernst du schnell, dass Erfahrung manchmal weh tut." Thannhausen versuchte alles, blieb offensiv, aber die Ideen verflachten zusehends. Paul Buchholz hatte in der 78. Minute die große Chance, doch Northeims Keeper Andre Nickel parierte stark. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", stöhnte Buchholz. "Dann kam dieser Nickel mit seinen Spinnenarmen." Das Publikum seufzte - und ahnte wohl schon, dass das kein Abend für die Heimelf werden würde. Northeim brachte die Führung routiniert über die Zeit, wechselte klug: Helmut Wurst (17) kam für Doppeltorschütze Probst, später folgte Timo Wagner für den verwarnten Kühne. Auch Florian Schulze durfte noch ran - eine Mischung aus jugendlicher Wildheit und Erfahrung, die Northeim in dieser Phase half, das Spiel zu beruhigen. Statistisch gesehen war Thannhausen das fleißigere Team: Mehr Ballbesitz, mehr Pässe, weniger Fouls. Aber Northeim spielte zielstrebiger, direkter, mutiger. Und am Ende zählt im Fußball bekanntlich nur, wer öfter jubelt. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", resümierte TSG-Kapitän Lucas Renner. "Wir wollten’s spielerisch lösen, die haben’s pragmatisch gemacht. Und Pragmatismus gewinnt oft." Ein Beobachter auf der Pressetribüne brachte es etwas böser auf den Punkt: "Thannhausen spielte wie eine Jazzband - viel Improvisation, wenig Refrain. Northeim dagegen wie ein Punkkonzert: laut, kurz, effektiv." So bleibt Eintracht Northeim nach diesem 2:1-Auswärtssieg voll im Soll, während Thannhausen weiter auf der Suche nach der Balance zwischen Ästhetik und Effizienz bleibt. Aber wer weiß - vielleicht ist genau diese Suche das, was den Fußball in Thannhausen so charmant macht. Das letzte Wort gehörte Trainer Picke, der beim Verlassen des Rasens mit einem verschmitzten Lächeln sagte: "Wir sind jung, wir sind wild, wir machen Fehler - aber wenigstens machen wir Tore." Und das, an diesem kalten Abend, war der entscheidende Unterschied. 15.10.643990 19:28 |
Sprücheklopfer
Wozu braucht meine Mannschaft Doping? Sie hat ja mich.
Otto Rehhagel