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Es war einer dieser Abende in der Verbandsliga D, an denen der Fußball aussieht, als hätte er Urlaub vom Ernst des Lebens genommen. 2.770 Zuschauer im Northeimer Gustav-Wegner-Stadion sahen ein 4:2-Spektakel ihres Teams gegen den TSV Rudow - ein Spiel, das schon nach zwei Minuten praktisch entschieden schien, aber sich dann weigerte, langweilig zu werden. Eintracht-Trainer Tim Picke hatte seine Elf offensiv eingestellt - und das war nicht nur eine taktische Notiz auf dem Papier, sondern eine Kampfansage. Gleich mit dem ersten Angriff drosch Bernd Bader den Ball humorlos ins Netz. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der 21-Jährige später, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Assistiert wurde er vom aufgerückten Innenverteidiger Maximilian Krueger, der sich danach so überrascht zeigte, dass er beinahe den Rückweg in die Abwehr vergaß. Und Northeim hatte Blut geleckt. In der 16. Minute war es der 17-jährige Swen Franz, der nach feinem Zuspiel von Rafael Santoyo auf 2:0 erhöhte. Franz, frech wie ein Straßenkicker und schnell wie ein Gerücht, grinste nach seinem Treffer: "Ich hab’ nur gedacht: Wenn ich jetzt nicht schieße, schimpft der Trainer." Rudow, bis dahin noch im Busmodus, wurde wach - allerdings zu spät. In der 29. Minute legte wieder Bernd Bader nach, diesmal nach einem cleveren Pass von Linksverteidiger Heinz Voss. Eine Minute später machte Lionel Ronaldo - ja, der heißt wirklich so, und ja, er spielt tatsächlich in Northeim - das 4:0. Santoyo hatte erneut die Vorlage gegeben, und der junge Stürmer schob so cool ein, als sei das sein tägliches Abendprogramm. "Wir wollten früh Druck machen, und das ist wohl gelungen", kommentierte Trainer Picke trocken. Seine Mannschaft hatte zur Pause 53 Prozent Ballbesitz, 20 Torschüsse und die Rudower Defensive in einen Zustand zwischen Panik und Philosophie versetzt. Doch die Gäste aus Berlin wollten nicht völlig untergehen. In der 35. Minute schickte Olav Schulz den flinken Gustav Becker, der mit einem satten Schuss zum 4:1 verkürzte - der erste Angriff, der auch als solcher zu erkennen war. "Da haben wir kurz vergessen, dass man auch verteidigen darf", meinte Eintracht-Keeper Justin Schultz später mit einem Augenzwinkern. Die zweite Halbzeit begann weniger furios, aber nicht minder unterhaltsam. Northeim spielte weiter munter nach vorn, ließ Chancen liegen, als wolle man höflich bleiben, und Rudow kämpfte sich allmählich zurück in die Partie. In der 75. Minute war es erneut Gustav Becker, der nach fast identischem Ablauf wie beim ersten Treffer das 4:2 erzielte - wieder auf Vorlage von Schulz. Damit war er der unangefochtene Held des Berliner Abends. "Zweimal getroffen, aber trotzdem verloren - das ist wie ein Kompliment von der Schwiegermutter: nett, aber nutzlos", sagte Becker später mit Galgenhumor. Die Schlussphase brachte mehr Gelbe Karten als Spannung: Bernd Bader (79.) und Heinz Voss (87.) sahen Gelb, offenbar aus Nostalgie, als Erinnerung an die wilden Minuten zuvor. Rudow musste schließlich noch eine Verletzung von Hanns Seitz verkraften, der in der Nachspielzeit humpelnd vom Platz ging - und sofort durch Joschua Eckert ersetzt wurde. Statistisch blieb alles klar: 20:6 Torschüsse, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe und eben jene 53 Prozent Ballbesitz für die Eintracht. Rudow hielt tapfer dagegen, auch wenn die Berliner Defensive streckenweise wirkte, als würde sie auf einem anderen Kanal funken. "Das war heute Spaßfußball mit Struktur", freute sich Northeim-Coach Picke nach dem Schlusspfiff. "Aber ich sag’s den Jungs: Wer vier Tore in einer Halbzeit schießt, darf in der zweiten nicht einschlafen." Sein Gegenüber, Rudows Trainer - dessen Name in der Aufstellung ironischerweise fehlte, vielleicht aus Selbstschutz - sah’s sportlich: "Northeim hat uns gezeigt, wie man ein Spiel beginnt. Wir haben dann gezeigt, wie man es nicht mehr ganz verliert." Eintracht Northeim bleibt nach diesem 4:2 (4:1) in der Erfolgsspur und dürfte weiter von den oberen Tabellenregionen träumen, während Rudow die Rückfahrt nach Berlin mit gemischten Gefühlen antreten musste: zu spät aufgewacht, aber immerhin zweimal getroffen. Oder, wie ein Northeimer Fan beim Bierstand seufzte: "Zuerst haben sie gespielt wie Bayern, dann wie meine Altherren. Aber was soll’s - 4:2, passt schon!" Und so endete ein lauer Maiabend, an dem der Ball fast so oft rollte wie die Witze auf der Pressetribüne - Fußball kann manchmal ziemlich schön sein, wenn er sich selbst nicht zu ernst nimmt. 11.05.644000 11:11 |
Sprücheklopfer
Vielleicht sollten wir mal einen saufen gehen und uns gegenseitig auf die Fresse hauen.
Mario Basler nach einer Niederlagenserie