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Wenn ein Fußballspiel kaum angepfiffen ist und der Ball schon im Netz zappelt, weiß man: Es wird kein langweiliger Abend. Genau so begann der zweite Spieltag der Oberliga H im Steigerwaldstadion, wo RW Erfurt den Gästen von Bayern Hof mit 3:1 die Grenzen der Geduld aufzeigte. 4.265 Zuschauer sahen ein Spiel, das anfangs wie ein Schnellstart, zwischendurch wie ein Stolperlauf und am Ende wie eine kleine Fußballlektion wirkte. Es war gerade einmal die erste Minute gespielt, da hatte Ronald Winter offenbar noch nicht bemerkt, dass der Schiedsrichter schon angepfiffen hatte - oder vielleicht gerade deshalb. Nach einem präzisen Steckpass von Edward Donovan zog der 23-Jährige aus halblinker Position ab, als wolle er den Ball in den Abendhimmel jagen. Stattdessen schlug er im rechten oberen Eck ein. 1:0, und die Bayern aus Hof schauten sich an, als hätten sie kollektiv den Bus verpasst. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Winter später, "aber manchmal muss man den Zufall einfach gut aussehen lassen." Danach übernahm Erfurt zunächst die Kontrolle, ohne den Ballbesitz zu dominieren - 49,8 Prozent reichten, um ständig gefährlich zu bleiben. Hofs Abwehr dagegen wirkte wie eine Gruppe von Freunden, die sich gerade erst über eine Chatgruppe kennengelernt hatte. Trainer Mario Pingel rief an der Seitenlinie "ruhig bleiben!", was seine Spieler offenbar als "noch ein Schuss!" verstanden. 17 Torschüsse später stand fest: Die Offensive hatte Lust auf Tore, nur das Timing fehlte. Kurz vor der Pause kam Hof endlich ins Spiel. Marcus Lorenz prüfte den jungen Keeper Jannick Fricke mehrmals, und als die Erfurter Fans schon über die Halbzeitbratwurst nachdachten, zischte ein Fernschuss knapp vorbei. Fricke grinste nach dem Abpfiff der ersten Hälfte: "Ich hab ihn kommen sehen - und gehofft, dass er vorbeigeht. Hat funktioniert." Nach dem Seitenwechsel drehte Hof auf. Nur zwei Minuten waren gespielt, da tauchte Olaf Franke im Strafraum auf und schob nach einem Missverständnis in der Erfurter Abwehr eiskalt ein - 1:1 in der 47. Minute. Die Gäste jubelten, ihre Fans sangen, und Trainer Pingel wirkte plötzlich blasser als die Auswechselbank. Doch wer glaubte, dass Erfurt ins Wanken geraten würde, irrte gewaltig. Acht Minuten nach dem Ausgleich schlug Edward Donovan zurück. Nach feinem Zuspiel von Lucas Scherer zog der Mittelfeldstratege aus gut 20 Metern ab - und der Ball rauschte flach ins Eck. 2:1, und das Steigerwaldstadion vibrierte. "Ich hab’s geahnt", sagte Donovan später mit einem Augenzwinkern. "Wenn du so triffst, darfst du den Ball eigentlich behalten - aber der Ordner hat ihn mir nicht gegeben." Erfurt zeigte nun, warum man sie in der Oberliga nicht unterschätzen sollte. Diszipliniert, aggressiv und trotzdem clever - genau das, was Pingel in der Kabine gefordert hatte. In der 67. Minute folgte der endgültige Knockout: Innenverteidiger Christophe Marchand stieg nach einer Ecke von Christoph Christ am höchsten und köpfte zum 3:1 ein. Dass ausgerechnet ein Abwehrspieler den Deckel draufmachte, passte zu diesem Abend: Erfurt kämpfte, rackerte, und wenn’s sein musste, traf sogar die letzte Bastion. Bayern Hof versuchte danach noch einiges, aber mehr als ein paar harmlose Schüsse von Marvin Gärtner sprang nicht heraus. Der bekam in der 93. Minute noch einmal eine Kopfballchance - doch der Ball flog so weit über das Tor, dass er vermutlich erst in der nächsten Straßenbahn wiedergefunden wurde. Einziger Wermutstropfen für Erfurt: Linksverteidiger Luis Albacar musste in der 50. Minute verletzt raus. "Er hat was am Sprunggelenk, aber wir hoffen, dass es nichts Schlimmes ist", sagte Pingel. Ersatzmann Oscar Hausmann machte seine Sache ordentlich - und brachte sogar etwas Ruhe in die aufgeregte linke Seite. Nach dem Spiel zeigte sich Pingel zufrieden, aber nicht übermütig: "Wir haben Charakter gezeigt. Nach dem Ausgleich so zurückzukommen, das war stark. Aber ein 3:1 ist kein Grund, das Training morgen abzusagen." Auf der anderen Seite war Hofs Coach (der, wie so oft, lieber namenlos bleiben wollte) sichtbar genervt: "Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen. Vielleicht sollten wir mal mit elf Verteidigern spielen." Statistisch betrachtet war’s fast ein ausgeglichenes Spiel - 17:9 Torschüsse, knapp 50 Prozent Ballbesitz auf beiden Seiten, aber mit dem entscheidenden Unterschied: Erfurt traf einfach öfter. So endete ein Freitagabend, der mit einem Donnerschlag begann und in einem rot-weißen Jubelmeer endete. Die Fans sangen, der Stadionsprecher brüllte sich die Stimme heiser, und irgendwo auf der Tribüne soll ein älterer Herr gemurmelt haben: "So spielt man Fußball, wenn man Montag frei hat." Und wer ehrlich ist, muss sagen: Wenn RW Erfurt weiter so auftritt, dann wird diese Oberliga-Saison alles - nur nicht langweilig. 03.04.643997 00:40 |
Sprücheklopfer
I hope, we have a little bit lucky.
Lothar Matthäus bei seiner ersten Pressekonferenz in New York