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Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Schon in der vierten Minute traf der erfahrene Torsten Abbadie nach feinem Zuspiel von Vincent Martin zum 1:0. "Ich hatte so viel Platz, ich hätte mir fast noch einen Kaffee bestellt", witzelte Abbadie später in der Mixed Zone. Chur kombinierte, drückte, kontrollierte. Kurz vor der Pause legte Yves Ames nach - wieder nach Vorlage von Martin, diesmal per butterweichem Flankenball von links. 2:0, das Stadion bebte, und Racing Club GE wirkte wie eine Schulmannschaft auf Klassenfahrt. Trainer Truthan Trainer - ja, der Mann heißt wirklich so - stand an der Seitenlinie und raufte sich die ohnehin schon spärlichen Haare. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens mit Haltung", grinste er später. Offenbar hatte die Ansprache Wirkung. Denn nach Wiederanpfiff schien plötzlich ein anderer Racing Club auf dem Feld zu stehen. Die 17- und 18-Jährigen liefen, als hätten sie den Energydrink intravenös bekommen. Chur dagegen spielte weiter gepflegten Verwaltungsfußball, mit der Betonung auf Verwaltung. In der 56. Minute war’s dann soweit: Der 18-jährige Niels Scharboneau traf nach Pass von Niclas Schmitz zum 2:1. Eine kleine Erinnerung daran, dass man Pokalspiele nicht in der Halbzeit gewinnt. "Da haben wir kurz geschlafen", gab Chur-Verteidiger Vincent Claude später zu. Kurz geschlafen war allerdings untertrieben. Die Gastgeber wirkten, als hätten sie kollektiv den Wecker überhört. Racing schnürte sie hinten ein, und obwohl die Churer noch immer mehr vom Ball hatten, waren es die Gäste, die die klareren Chancen erspielten. In der 86. Minute fiel dann der Ausgleich: David Bettencourt, ebenfalls 18, drosch den Ball nach Vorarbeit von Scharboneau unter die Latte - 2:2. Die Fans auf der Gästetribüne, eine bunte Mischung aus Eltern, Schulfreunden und offenbar der halben Jugendakademie, drehten durch. Trainer Trainer (ja, immer noch kein Tippfehler) hüpfte an der Seitenlinie, als hätte er gerade ein Fitnessprogramm entdeckt. Und weil der Fußball manchmal grausam konsequent ist, folgte vier Minuten später die endgültige Demütigung: In der 90. Minute schlug der jüngste von allen zu - Finn Fink, 17 Jahre jung, nach präzisem Zuspiel von Schmitz. 2:3. Der Jubel: grenzenlos. Der Schock im Stadion: greifbar. "Ich dachte erst, das sei ein Traum", grinste Fink nach dem Spiel, während er noch den Rasen von Chur als Souvenir aus dem Schuh kratzte. "Dann hab ich gesehen, wie unser Torwart auf mich zulief - da wusste ich, das ist echt." Der FC Chur dagegen stand da wie ein Boxer nach dem K.o.-Schlag. Trainer und Spieler blickten fassungslos in die Nacht. "Wir haben das Spiel in der Kabine gelassen", knurrte Kapitän Vincent Claude. "Und draußen stand Racing Club GE und hat’s sich einfach genommen." Statistisch gesehen war Chur sogar besser: 9:12 Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, leicht höhere Passquote. Aber Zahlen schießen keine Tore, wie man so schön sagt - und schon gar keine, wenn man sie nur verwaltet. Racing Club GE hingegen zeigte, was jugendliche Unbekümmertheit bewirken kann. Kein Pressing, keine komplizierte Taktik, einfach drauflos - und am Ende ein Sieg, der in die Vereinsgeschichte eingehen dürfte. Trainer Truthan Trainer brachte es auf den Punkt: "Wir hatten keine Erfahrung, kein Geld, keinen Bart - aber offenbar die besseren Nerven." Die Churer Fans pfiffen ihr Team nicht aus, aber man hörte ein Raunen, das alles sagte: So verliert man nicht, so verschenkt man. Vielleicht war es einfach die klassische Pokalgeschichte - David gegen Goliath, nur dass David diesmal drei Davids hatte: Scharboneau, Bettencourt und Fink. Ein Journalist fragte Churs Torwart René Besson, ob er sich das Spiel noch einmal anschauen werde. Besson lächelte bitter: "Nur, wenn ich vorher die Batterie aus der Fernbedienung nehme." Und so ging ein Abend zu Ende, an dem der Fußball wieder einmal bewies, dass er keine Mathematik ist. Der FC Chur verabschiedet sich aus dem Pokal, Racing Club GE schreibt ein kleines Märchen. Und irgendwo in Genf wird ein Trainer mit Namen Trainer heute Nacht schlafen wie ein König. 16.07.2026 21:18 |
Sprücheklopfer
Ich habe ihn liquidiert. Wenn er etwas will, soll er sich vorher seinen Ausweis anhängen, damit seine Mutter ihn nicht nur an der Blutgruppe erkennt.
Toni Polster über Jörg Neun