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Über 67.000 Zuschauer im Estadio Independencia erlebten am fünften Spieltag der 1. Liga Argentiniens einen dieser Abende, an denen Fußball ungerecht sein darf - und es auch war. Der FC Independente dominierte Ball und Gegner, feuerte 16 Torschüsse ab und hatte mit 56 Prozent Ballbesitz klar die Kontrolle. Doch am Ende jubelte der Gast: CD Almagro nahm mit einem 2:1-Auswärtssieg drei Punkte mit nach Hause - dank eiskalter Chancenverwertung und eines Trainers, der nach eigener Aussage "ein bisschen Glück und viel Mate-Tee" im Gepäck hatte. Die Partie begann mit dem, was Sportreporter gern "Abtasten" nennen - sprich: Beide Teams schossen früh aufs Tor, aber niemand traf. Schon in der 2. Minute prüfte Almagros Julien Billet den jungen Keeper Martin Pinto, der mit einer Flugeinlage Marke "Ich will ins Fotoalbum meiner Mutter" parierte. Independente antwortete prompt: Felipe Tonel und Caio Mendes versuchten ihr Glück im Doppelpack (16. und 21. Minute), aber Almagros Torwart Jossi Pines-Paz hatte offenbar magnetische Handschuhe an. Die erste Halbzeit verlief torlos, aber keineswegs langweilig. Trainer Alemanne In Cologne, der an der Seitenlinie energisch gestikulierte, rief seinem Innenverteidiger Efthymios Antoniou zu: "Wenn du schon nach vorne gehst, bring wenigstens Souvenirs mit!" Der Grieche grinste, blieb aber lieber hinten - man weiß ja nie. Nach der Pause kam der Schock für die Hausherren. In der 48. Minute setzte Julien Billet nach feiner Vorarbeit von Pol Bauza einen präzisen Schuss ins rechte Eck. 0:1 - und das, obwohl Independente gerade zum Pausentee wieder aufs Feld getrabt war. "Wir waren noch beim Nachdenken, ob’s Kekse gibt", witzelte später Verteidiger Shefki Kallio. Kaum hatten sich die Gastgeber vom Rückstand erholt, klingelte es erneut. Jorge Granero, der unermüdliche Taktgeber Almagros, zog in der 57. Minute aus 18 Metern ab - und traf. Vorlagegeber: der eingewechselte Valerio Carli, der keine fünf Minuten auf dem Platz war. "Ich wollte eigentlich nur einen ruhigen Pass spielen", grinste Carli hinterher. "Dann hat Jorge halt beschlossen, dass wir lieber feiern." Doch Independente gab sich nicht geschlagen. Nur zwei Minuten später, in der 59. Minute, sorgte Gordej Polupanow für den Anschluss. Nach einem beherzten Vorstoß von Rechtsverteidiger Kallio zog der Mittelfeldmann trocken ab - 1:2! Das Stadion bebte, der Trainer sprang wie ein Teenager im Rockkonzert an der Seitenlinie, und plötzlich glaubte jeder an die Wende. Es folgte eine halbe Stunde Dauerbelagerung. Polupanow, Tonel, Carvalho - sie alle prüften den gegnerischen Keeper, doch Jossi Pines-Paz hielt, was zu halten war. Selbst als der Ball in der 87. Minute nach einem Kopfball von Carvalho auf der Linie tanzte, schien das Glück heute in Blau-Weiß (Almagros Vereinsfarben) zu spielen. "Ich hab’ den Ball schon drinnen gesehen", stöhnte Trainer In Cologne nach Abpfiff. "Aber offenbar hat der Platzwart die Linie zu dick gemalt." In der 76. Minute kassierte Innenverteidiger Antoniou noch Gelb - wohl aus Frust, dass die Kugel einfach nicht rein wollte. Auf der anderen Seite musste Almagro-Trainer Eddy Szkoki in der 65. Minute zittern, als sein junger Mittelfeldspieler Isaac Gage verletzt raus musste. "Er hat sich beim Jubeln am eigenen Schuh verschluckt", witzelte Szkoki später, um gleich ernster nachzuschieben: "Nein, nichts Schlimmes, hoffentlich nur eine Zerrung." In den Schlussminuten rannte Independente an, als gäbe es doppelte Punkte für Ballbesitz. 56 Prozent Ballkontrolle, 52,8 Prozent gewonnene Zweikämpfe - alles schön fürs Statistikheft, aber wertlos auf der Anzeigetafel. Almagro dagegen verteidigte mit Herz, Verstand und einer Prise Zynismus. In der Nachspielzeit kassierte Nuno Valente noch Gelb, was ihn aber kaum störte: Er klatschte grinsend in die Hände und rief seinem Trainer zu: "Alles unter Kontrolle, Chef!" Nach 94 Minuten war Schluss. 1:2 - ein Ergebnis, das in die Kategorie "effizienter Diebstahl" fällt. Während die Gäste ausgelassen feierten, stapften die Spieler des FC Independente enttäuscht vom Feld. Trainer In Cologne fasste es trocken zusammen: "Wir hatten mehr vom Spiel, sie mehr vom Ergebnis. So ist Fußball - leider kein Schönheitswettbewerb." Eddy Szkoki hingegen zeigte sich gewohnt charmant: "Wir wollten eigentlich auf Unentschieden spielen, aber meine Jungs haben es übertrieben." Und so bleibt die Erkenntnis: Man kann 16 Mal aufs Tor schießen, den Ball 56 Prozent der Zeit kontrollieren, und trotzdem mit leeren Händen dastehen - weil Fußball eben kein Rechenexempel ist. Oder, wie ein Zuschauer es beim Hinausgehen formulierte: "Wenn’s nach Chancen ginge, hätte Independente heute 4:1 gewonnen. Aber das hier ist keine Mathematikvorlesung." Ein bitterer, aber lehrreicher Abend für den FC Independente - und ein glücklicher für Almagro, das mit drei Punkten im Gepäck und einem Augenzwinkern die Heimreise antrat. 06.03.643987 07:20 |
Sprücheklopfer
Das ganze Stadion wird gegen uns sein. Ganz Deutschland wird gegen uns sein. Etwas Schöneres gibt es gar nicht.
Oliver Kahn vor dem Saisonfinale 00/01 der Bayern beim Hamburger SV