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Es war ein kalter Samstagabend in Wusterwitz, 20:15 Uhr Anpfiff, Flutlicht, 5292 Zuschauer - und am Ende ein 0:0, das sich irgendwie nach allem außer Stillstand anfühlte. Der FC Wusterwitz belagerte das Tor des 1. FC Gera, traf aber nur alles andere: Pfosten, Fangnetz, Mut der Zuschauer in der ersten Reihe. Schon in der vierten Minute zeigte der 17-jährige Luca Philipp, dass er keine Angst vor großen Namen hat. Sein satter Schuss rauschte knapp über die Latte, Trainer Tom Fritz klatschte anerkennend: "Der Junge hat’s im Fuß - jetzt muss er’s nur noch ins Tor kriegen." Danach folgte eine Welle roter Angriffe, die eher an ein Dauerfeuer erinnerten als an kontrollierten Offensivfußball. 19 Torschüsse insgesamt, aber keiner fand den Weg über die Linie. Gera dagegen spielte den erfahrenen Part: Ballbesitz 57 Prozent, aber mit vier Torschüssen blieb es bei zaghafter Offensivkunst. In der fünften Minute prüfte Raphael Geissler, 33 Jahre alt und mit mehr Regionalliga-Minuten als der gesamte Wusterwitzer Sturm zusammen, den Keeper Ralph Steffens - der parierte souverän. Danach wirkten die Gäste so, als wären sie mit einem Punkt ganz zufrieden. "Wir wollten stabil stehen, und das haben wir getan", sagte Geras Trainer nach dem Spiel mit einem Lächeln, das zwischen Zufriedenheit und Ironie schwankte. "Wenn man so viele junge Wilde gegen sich hat, darf man das Tor ruhig mal zumachen." Offenbar hatte seine Abwehr das wörtlich genommen. Bis zur Pause spielte Wusterwitz weiter munter nach vorne, Luca Philipp, Rafael Witte und Curt Fröhlich tauchten immer wieder gefährlich vor dem Tor auf. In der 24. Minute stemmte sich Gera mit vereinten Kräften gegen den Rückstand, als Philipp gleich zweimal hintereinander abzog - und zweimal den gleichen Verteidiger traf. "Ich glaub, der hat heute noch den Abdruck vom Ball auf der Brust", witzelte Philipp später. Der zweite Durchgang begann, wie der erste aufgehört hatte: mit Wusterwitz. Werner Runge prüfte Gera-Keeper Dani Pizanti gleich doppelt in der 48. und 49. Minute, aber Pizanti hatte offenbar beschlossen, heute unüberwindbar zu sein. In der 54. Minute zog Fröhlich volley aus 16 Metern ab - und drosch den Ball in den Nachthimmel. Ein Zuschauer rief trocken: "Da oben war noch Platz!" Trainer Tom Fritz reagierte, brachte in der 55. Minute Carl Schindler für Finn Kern, später Johann Zander (65.) und Stephan Werner (75.). Vor allem Zander brachte neuen Schwung, dribbelte, fluchte und zog in der 96. Minute noch einmal ab - der Ball strich um Zentimeter vorbei. "Ich dachte, der geht rein, und dann war er einfach... nicht drin", sagte Zander nach dem Spiel ratlos. Doch das Drama hatte noch ein letztes Kapitel: In der 91. Minute sah Hanns Konrad Rot. Ein ungeschicktes Einsteigen, vielleicht auch Frust - jedenfalls musste er vom Platz. "Er hat den Ball gespielt", verteidigte ihn Fritz mit einem Augenzwinkern. "Nur leider war der Ball zu dem Zeitpunkt schon längst weg." Die Statistik sprach am Ende Bände: 43 Prozent Ballbesitz für Wusterwitz, aber 19 Torschüsse zu Geras 4. Eine dieser klassischen Partien, in denen die bessere Mannschaft einfach kein Tor schießt. Oder, wie es Gera-Stürmer Geissler trocken formulierte: "Manchmal gewinnt man auch, wenn keiner trifft." Die Fans des FC Wusterwitz verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus. Die jungen Offensivkräfte - Philipp, Witte, Fröhlich - hatten alles gegeben, nur der Fußballgott hatte an diesem Abend andere Pläne. "Wenn wir so weitermachen, fliegt uns irgendwann das Netz weg", grinste Trainer Fritz zum Abschied. Und vielleicht hat er recht: Wer so oft schießt, trifft irgendwann zwangsläufig. Nur eben nicht an diesem Samstag. Ein 0:0 der besonderen Sorte - eines, das mehr Gesprächsstoff liefert als manch torreiches Spektakel. Und wenn man ehrlich ist: Ein bisschen Chaos, ein bisschen Drama und eine Rote Karte am Ende - was will der geneigte Regionalliga-Fan mehr? 12.10.643987 13:39 |
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Jeder kann sagen, was ich will.
Otto Rehhagel