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Wenn 49.830 Fans an einem frostigen Januarabend in Szekesfehervar ins Stadion strömen, dann weiß man: Heute wird wieder gefroren, geflucht - und gefeiert. Das Duell zwischen dem SC Fehervar und Interval Gyor hielt, was der 8. Spieltag der ungarischen Liga versprach: fünf Tore, drei Gelbe Karten, 22 Torschüsse und eine Menge Drama. Am Ende gewann Fehervar mit 3:2 (2:0), musste aber zittern, bis der Schiedsrichter endlich pfiff und Trainerin Mina Aryabhata erleichtert die Schultern sinken ließ. "Ich habe in der 80. Minute aufgehört zu atmen", gab Aryabhata später lachend zu. "Unsere Defensive hat plötzlich beschlossen, Yoga zu machen - völlige Entspannung, kein Widerstand." Dabei hatte alles so souverän begonnen. Nach einer hektischen Anfangsphase mit wilden Angriffen von Gyors Youngster Timur Lutschenko (der gleich dreimal in den ersten 25 Minuten aufs Tor donnerte, aber stets an Claude Prudhomme scheiterte) nahm Fehervar das Heft in die Hand. In der 30. Minute zündete Alberte Storm seinen Turbo, zog von links in den Strafraum und verwandelte eiskalt - Vorlage von Alexander Koranyi, der sich zuvor durch die rechte Seite gefummelt hatte. Nur 13 Minuten später klingelte es erneut: Innenverteidiger Laszlo Kocsis, sonst eher der Mann fürs Grobe, köpfte nach einer butterweichen Flanke von Slatko Angelow zum 2:0 ein. "Ich wollte eigentlich nur klären, aber der Ball war so schön, da konnte ich nicht anders", grinste der Torschütze danach. Zur Pause schien die Sache klar - 51 Prozent Ballbesitz, sieben Torschüsse und eine Defensive, die Gyor kaum Luft ließ. Doch wer Fehervar kennt, weiß: Wenn sie führen, wird’s gefährlich. Und prompt kam Gyor wie verwandelt aus der Kabine. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff bediente Rechtsverteidiger Pal Petry seinen Stürmer Tim Menzel, der humorlos einschoss. Nur noch 2:1 - und plötzlich war wieder Leben in der Bude. Trainer Bertalan Totka brüllte von der Seitenlinie: "Jetzt spielen wir endlich Fußball!" Fehervar taumelte kurz, fing sich aber dank des bulligen Eskil Bruhn. In der 73. Minute stellte er nach feinem Zuspiel erneut von Koranyi auf 3:1 - ein klassischer Mittelstürmertreffer, kompromisslos und unfreundlich. "Ich hab nur gemacht, was man von mir erwartet: den Ball quälen, bis er ins Netz will", erklärte Bruhn mit einem Augenzwinkern. Aber Gyor gab sich nicht geschlagen. In der 78. Minute verkürzte der 20-jährige Lutschenko nach Vorlage von Robert Kona auf 3:2. Der Youngster rannte jubelnd in Richtung Gästeblock, während Totka ihn fast umarmte - und dann fluchte, weil der Ausgleich einfach nicht fallen wollte. Die Schlussphase? Ein Nervenkrieg. Fehervar verteidigte plötzlich so wacklig, dass selbst der Stadionsprecher nervös klang. In der 86. Minute sah Luke Gunn noch Gelb, nachdem er den Ball wegdrosch - angeblich "aus Versehen". Aryabhata wechselte in der 90. Minute gleich dreimal: die Teenager Soos, Zavadszky und Toldi durften ran, was das Publikum mit einer Mischung aus Begeisterung und Angst quittierte. "Wenn man führt, muss man auch mal Mut zeigen", sagte die Trainerin später. "Oder Wahnsinn, je nach Sichtweise." Gyor setzte in der Nachspielzeit alles auf eine Karte, brachte Eisenhoffer für Lutschenko und drückte mit aktivem Pressing. Doch Fehervar rettete sich über die Zeit - 14:8 Torschüsse, hauchdünner Ballbesitzvorteil, aber ein klarer Pluspunkt in Sachen Effizienz. Totka war nach Abpfiff sichtlich bedient: "Wir haben zwei Geschenke verteilt und trotzdem fast gewonnen. Das fühlt sich an wie Weihnachten mit leerem Baum." Seine Spieler nickten, während Fehervars Fans die Nacht zur Party erklärten. Am Ende bleibt ein Spiel, das alles bot: Tempo, Tore, Chaos und ein bisschen Komödie. "Wir wollten unterhalten - und das haben wir getan", sagte Storm noch in der Mixed Zone, bevor er mit einem Becher heißem Tee verschwand. Fehervar klettert mit diesem Sieg weiter nach oben, Gyor bleibt das Team mit dem schönsten Stil und dem schlechtesten Timing. Und irgendwo in der Kabine summte Trainerin Aryabhata leise vor sich hin: "Drei Punkte sind drei Punkte - egal, ob mit Herzinfarkt oder ohne." Ein Abend also, der in Erinnerung bleibt - nicht wegen der Schönheit des Spiels, sondern wegen seiner ehrlichen, ungeschönten Dramatik. Kurz gesagt: Fußball, wie er in Ungarn eben gespielt wird - mit Leidenschaft, Latte und leichtem Wahnsinn. 19.04.643987 23:33 |
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