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Ein lauer Januarabend in Rio, 45.791 Zuschauer im Maracanã, und am Ende ein kollektives Aufatmen: CF Flamengo hat am 6. Spieltag der 1. Liga Brasilien ein Spiel gewonnen, das für 45 Minuten nach einem schlechten Witz aussah. 3:2 hieß es am Ende gegen tapfere Gäste von AD Santo André - ein Ergebnis, das so unterhaltsam war wie ein Samba auf Speed. Dabei begann alles mit einem Schlag in die Magengrube. Schon in der 8. Minute überraschte Benjamin Heighway, der 33-jährige Routinier auf dem rechten Flügel, die schläfrige Flamengo-Abwehr und netzte nach Vorarbeit von Antonio Vaz eiskalt ein. "Ich dachte, die schlafen noch ihre Siesta", grinste Heighway später verschmitzt. Das Maracanã murmelte - und Flamengo spielte fortan, als würde man sie zum Laufen zwingen. Trainer Dino Ma sah schon nach zehn Minuten aus, als hätte er lieber eine Kokosnussplantage als diesen Job. "Wir waren einfach zu brav", knurrte er nach der Partie. "Ich hab den Jungs in der Halbzeit gesagt, dass Fußball kein Picknick ist." Die Statistik sprach zur Pause Bände: 56 Prozent Ballbesitz für Flamengo, aber null Ertrag - zu viel Ballgeschiebe, zu wenig Biss. AD Santo André verteidigte diszipliniert und lauerte auf Konter, während Flamengo trotz offensiver Grundordnung eher wie ein Tanzkurs wirkte, der noch die Grundschritte übt. Dann kam die 60. Minute - und mit ihr der Umschwung. Luís Deco, gerade einmal 18 und mit einer Unerschrockenheit gesegnet, die nur Teenager haben, setzte Benyamin Rieger perfekt in Szene. Der traf aus halblinker Position, und plötzlich war Feuer im Spiel. "Ich hab gar nicht nachgedacht", sagte Rieger später. "Vielleicht war das der Schlüssel - sonst denk ich zu viel." Doch wer glaubte, dass nun alles in geordnete Bahnen laufen würde, irrte. Nur fünf Minuten später schlug Santo André zurück: Nestor Navarro, 23 Jahre jung und bullig wie ein Stier, vollendete nach einem Freistoß von Leandro Semedo zum 1:2. Man hörte förmlich, wie das Stadion die Luft anhielt. Doch Flamengo wäre nicht Flamengo, wenn es nicht dramatisch würde. In der 74. Minute wieder Luís Deco - diesmal mit einem Steilpass, der jeden Scout sabbern ließ - und Aki Ukkonen, der 19-jährige Finne, schob zum 2:2 ein. Der Junge sah danach so überrascht aus, als hätte man ihn versehentlich auf den Platz gestellt. "Ich wollte erst querlegen", sagte Ukkonen lachend, "aber dann dachte ich: Warum eigentlich?" Die letzten 15 Minuten wurden zur Orgie aus Hektik, Gelben Karten und einem verzweifelten Anrennen. Marc Cucurella (69.) und Luís Deco (83.) sahen Gelb, Afanasi Tscherepanow gleich hinterher (84.). Trainer Dino Ma schien am Seitenrand gleichzeitig zu beten und zu fluchen. Dann die 86. Minute: Rieger dribbelt von links, legt zurück - und der 20-jährige Klaus Reiter trifft aus 18 Metern flach ins Eck. Das Maracanã explodiert. 3:2! Reiter, sonst der stille Arbeiter im Mittelfeld, rannte Richtung Eckfahne, als gäbe es dafür Bonusmeilen. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte er später mit einem breiten Grinsen. "Und gehofft, dass keiner merkt, dass ich den Ball gar nicht voll getroffen hab." Santo André versuchte es noch einmal, aber der späte Wechsel (Ze Castro raus, Tamuz rein) und eine Verletzung in der 94. Minute nahmen den Gästen die letzte Luft. Torwart Caio Santos brüllte seine Vorderleute an, doch es half nichts - Flamengo hielt das Ergebnis, und die Fans tanzten auf den Sitzen. Statistisch gesehen war’s ein verdienter Sieg: 13 Torschüsse zu 7, 56 Prozent Ballbesitz, mehr Zweikampferfolg (52 Prozent) - aber das sind nur Zahlen. Was blieb, war ein wilder Abend mit jugendlicher Unbekümmertheit, alten Haudegen und einem Trainer, der zwischen Genie und Wahnsinn schwankte. "Wir haben Charakter gezeigt", sagte Dino Ma nach dem Spiel, diesmal fast milde. "Und das ist im Januar mehr wert als schöner Fußball." Ein Satz, der hängen bleibt - vielleicht, weil er so ehrlich war wie dieser Sieg. Flamengo lebt, taumelt, kämpft - und gewinnt. Und das Maracanã? Es summte noch lange, als wäre der Ball immer noch im Netz. 17.03.643987 21:12 |
Sprücheklopfer
Er hat's dann nochmal versucht, zu probieren.
Rudi Völler