// Startseite
| Jornal do Brasil |
| +++ Sportzeitung für Brasilien +++ |
|
|
|
36.000 Zuschauer hatten sich am warmen Januarabend im Estádio Municipal von Feira de Santana eingefunden, um ihre Mannschaft am 5. Spieltag der brasilianischen 1. Liga anzufeuern. Sie bekamen ein Fußballfest geboten - allerdings tanzte nur einer Samba: CF Flamengo. Mit einem deutlichen 3:1-Auswärtssieg zeigte das Team von Trainer Dino Ma, wie man mit Tempo, Präzision und einer Prise Arroganz drei Punkte mitnimmt. Feira de Santana begann zwar mutig, Vitor Bischoff prüfte schon in der 6. Minute den Gästekeeper Curt Binder, doch das war’s dann auch für eine Weile. Flamengo übernahm das Kommando - nicht mit Ballbesitz (der war fast ausgeglichen: 50 zu 50 Prozent), sondern mit Zielstrebigkeit. Ganze 17 Torschüsse gaben die Männer in Rot ab, die Gastgeber kamen auf gerade einmal vier. In der 22. Minute fiel, was sich längst abgezeichnet hatte: Mathias Gulbrandsen flankte von rechts, Benyamin Rieger rauschte heran wie ein Güterzug und drückte den Ball zum 0:1 über die Linie. Während die Fans von Feira noch über Abseits diskutierten, grinste Rieger breit: "Ich hab nur den Pass gerochen - und dann war’s einfach Instinkt." Trainer Dino Ma kommentierte trocken: "Er roch heute alles, außer seine Schienbeinschoner, glaub ich." Zur Halbzeit stand es 0:1, und wer gehofft hatte, Feira würde in der Kabine die passenden Worte finden, wurde enttäuscht. In der zweiten Hälfte blieb Flamengo eiskalt. In der 62. Minute bediente der junge Klaus Reiter den wieder überragenden Rieger, und der traf zum zweiten Mal - diesmal mit der Präzision eines Chirurgen. Torwart Branko Stevic streckte sich vergeblich. Nur fünf Minuten später machte Eric Jonsson endgültig den Deckel drauf. Rieger, längst in Spiellaune, tanzte auf dem linken Flügel und legte quer. Jonsson, der schon zuvor in Serie aufs Tor geschossen hatte, drosch das Leder humorlos unter die Latte - 0:3, der Rest war Schaulaufen. "Ich hab mir gesagt: Wenn ich schon achtmal daneben ziele, muss der neunte sitzen", lachte Jonsson nach Abpfiff. Feira de Santana kämpfte tapfer, aber oft gegen sich selbst. Zwei Gelbe Karten - Jean Silvestre (55.) und Rui Vaz (61.) - zeigten, dass Frust sich langsam Bahn brach. Trainer Dino Ma wechselte clever: Ab Minute 56 durften die 18-jährigen Nachwuchskräfte Marcio Vaz (Tor), Luís Deco und Caio Eusebio ran. Letzterer brachte in der Schlussphase noch frischen Wind und hätte fast das vierte Tor erzielt. Doch dann kam wenigstens der Ehrentreffer - spät, aber mit Stil. In der 91. Minute flankte der eben noch Gelb-verwarnte Jean Silvestre von links, und Vitor Bischoff köpfte den Ball unhaltbar zum 1:3-Endstand ins Netz. Das Publikum jubelte, als hätte Feira soeben die Meisterschaft gewonnen. "Ein Tor ist ein Tor", sagte Bischoff später, "und wenn’s in der 91. Minute fällt, zählt’s doppelt fürs Herz." Flamengo-Coach Dino Ma zeigte sich zufrieden, aber nicht euphorisch: "Wir haben unser Spiel gemacht. 17 Schüsse, drei Tore - das ist okay. Aber Rieger hätte ruhig vier machen dürfen." Danach zwinkerte er und ging Richtung Kabine, wo sich schon die Musik aus dem Lautsprecher mischte - vermutlich irgendetwas mit Trommeln und Selbstbewusstsein. Feira-Trainer (dessen Name in den Unterlagen eigenartig fehlte - vielleicht wollte er anonym bleiben) meinte dagegen: "Wir haben uns nicht versteckt, aber gegen so eine Offensivmaschine hilft kein Beten." Er hatte recht: Flamengo war an diesem Abend schlicht zu abgeklärt. Die Statistik unterstreicht den Eindruck: 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gäste, 17 Torschüsse gegenüber vier der Hausherren - und das alles ohne übermäßiges Pressing oder Hektik. Flamengo spielte, als wüssten sie genau, dass sie jederzeit treffen können. Und sie taten es. Als die Flutlichter erloschen, blieben die Fans von Feira de Santana noch sitzen. Vielleicht, um zu verdauen, vielleicht, um den nächsten Heimauftritt zu planen. Einer rief Richtung Spielfeld: "Beim nächsten Mal kriegen wir sie!" - worauf ein anderer trocken antwortete: "Klar, wenn sie ohne Rieger kommen." Ein Abend, der zeigte: Fußball kann grausam ehrlich sein. Feira de Santana wollte, Flamengo konnte. Und das Ergebnis - 1:3 - ist so gerecht wie ein brasilianischer Sommerabend lang. Oder, um es mit dem Humor des Siegers zu sagen: "Wir tanzen weiter", grinste Rieger, "und wer nicht mitmacht, schaut halt zu." 16.03.643987 08:47 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer