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Manchmal ist Fußball wie ein gutes brasilianisches Barbecue: heiß, würzig - und am Ende bleibt man satt, aber nicht ganz zufrieden. So dürfte es den 48.210 Zuschauern im Maracanã ergangen sein, die am 26. Spieltag der 1. Liga Brasilien ein 2:2 zwischen CF Flamengo und Gremio Porto Alegre sahen. Nach einer famosen ersten Halbzeit der Hausherren und einem Gremio-Comeback, wie es in jedem Drehbuch für Sonntagabenddramen stehen könnte, blieb am Ende nur ein geteilter Punkt - und viele Fragen. Flamengo begann mit der offensiven Marschroute ihres Trainers Dino Ma, der seine Mannschaft auf Angriff trimmen ließ. "Wir wollten Druck machen, von der ersten Minute an", sagte Ma später, "und das hat ja auch eine Halbzeit lang funktioniert - fast zu gut." Tatsächlich war die erste Hälfte ein rot-schwarzes Feuerwerk. Eric Jonsson, der rechte Flügelstürmer mit der Dynamik eines Espresso-Doppels, eröffnete in der 24. Minute den Torreigen. Nach feinem Zuspiel von Mario Berjon traf er aus spitzem Winkel - der Ball küsste noch den Innenpfosten, bevor er in die Maschen flog. Gremio-Keeper David Djalo sah nur den Schatten vorbeiziehen. Vierzehn Minuten später legte der 19-jährige Aki Ukkonen nach. Der blutjunge Finne, der aussieht, als hätte man ihn direkt aus einem Eishockey-Stadion importiert, verwertete eine butterweiche Hereingabe von Mathias Gulbrandsen zum 2:0. Das Stadion tobte, Dino Ma ballte die Faust - und Gremio-Trainer Huub Stevens sah aus, als überlege er, ob er nicht doch lieber wieder in die Eredivisie wechseln sollte. "In der Pause war es laut", gestand Stevens später grinsend. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens kämpfend." Offenbar hat’s geholfen. Denn nach dem Seitenwechsel verwandelte sich Gremio von einem verschüchterten Kanarienvogel in einen ausgewachsenen Kampfhahn. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff traf der flinke Joseba Munoz nach Vorarbeit von Hans Davidsen zum 2:1. Und kaum hatte sich Flamengo von diesem Schock erholt, zappelte der Ball schon wieder im Netz: Innenverteidiger Noe Mocana, 33 Jahre jung und offenbar mit reichlich Wut im rechten Fuß, wuchtete nach einer Ecke den Ball über die Linie (50.). "Ich wusste gar nicht, dass Noe so schießen kann", witzelte Mitspieler Alfie Bancroft später. "Normalerweise trifft er höchstens den Busparkplatz." Ab da kippte die Partie. Flamengo, das in der ersten Halbzeit noch 50,8 % Ballbesitz und 16 Torschüsse gesammelt hatte, verlor den Rhythmus. Gremio, das seine "defensive" Haltung in der Pause aufgegeben hatte, presste nun energisch und zwang die Gastgeber zu Fehlern. Gelbe Karten flogen wie Streukonfetti: Didier Desjardins (15.) und Agustin Ximenes (75.) bei Gremio, Afanasi Tscherepanow (34.) bei Flamengo. Die Fans wurden unruhig, und als Dino Ma in der 72. Minute den jungen Innenverteidiger Noe Fernandes brachte, um die Defensive zu stabilisieren, raunte ein älterer Herr auf der Tribüne: "Jetzt hilft nur noch Beten." In den letzten Minuten warf Flamengo alles nach vorn. Eric Jonsson prüfte Djalo noch zweimal (84., 85.), und Ukkonen versuchte sich mit jugendlicher Verzweiflung in der 86. Minute - aber das Tor blieb wie vernagelt. In der Nachspielzeit hatte sogar der eingewechselte Noe Fernandes noch einen Kopfballversuch (95.), doch der Ball segelte über die Latte. Huub Stevens, der alte Fuchs, stand danach entspannt mit einem Pappbecher Kaffee am Spielfeldrand. "Ein Punkt in Rio - da kann man nicht meckern. Wir haben Moral gezeigt", sagte er und klopfte seinem Torschützen Munoz auf die Schulter. Dino Ma hingegen wirkte, als hätte ihm jemand den Zucker aus dem Kaffee gestohlen. "Wir haben das Spiel aus der Hand gegeben. Aber das ist Fußball - manchmal denkst du, du bist der Tänzer, und plötzlich bist du der Taktstock." Ein Zuschauer brachte es beim Verlassen des Stadions auf den Punkt: "Erste Halbzeit Samba, zweite Halbzeit Fado." Treffender lässt sich dieses 2:2 kaum beschreiben. Und so bleibt für Flamengo die Erkenntnis, dass 45 brillante Minuten nicht reichen, um Gremio endgültig zu brechen - und für Stevens’ Mannschaft der Beweis, dass selbst ein alter Taktikfuchs noch ein Comeback zaubern kann. Am Ende jubelten beide ein bisschen - und ärgerten sich gleichzeitig. Fußball kann eben grausam ehrlich sein. 25.11.643987 06:55 |
Sprücheklopfer
Im ersten Moment war ich nicht nur glücklich, ein Tor geschossen zu haben, sondern auch, dass der Ball reinging.
Mario Basler