Elfmeter
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Flensburg dreht das Spiel: Crailsheimer Führung verpufft in 14 Minuten

Ein lauer Maiabend, Flutlicht, 3069 Zuschauer im Crailsheimer Stadion - und am Ende ein kollektives Seufzen: Der TSV Crailsheim hat am 21. Spieltag der Verbandsliga D gegen Weiche Flensburg mit 1:2 (0:0) verloren, obwohl der Abend so verheißungsvoll begonnen hatte. Zumindest kurzzeitig.

Denn als der 19-jährige Wilhelm Reinhardt in der 61. Minute beherzt aus rund 18 Metern abzog und der Ball - wie von jugendlicher Naivität getragen - unhaltbar im Winkel zappelte, bebte die kleine Tribüne. "Ich hatte eigentlich gar nicht geschossen, ich hab nur den Ball getroffen", grinste Reinhardt später verschmitzt. Bernt Vetter, der 35-jährige Dauerläufer auf der linken Seite, hatte den Treffer mit einem beherzten Antritt vorbereitet - und schnaufte danach: "Das war mein Sprint des Monats. Vielleicht auch des Jahres."

Doch wer glaubte, das sei der Auftakt zu einem Crailsheimer Fußballmärchen, der wurde binnen 14 Minuten eines Besseren belehrt. Weiche Flensburg - der Name klingt nach Kuscheldecke, das Spiel war aber eher ein Eishagel - zeigte, warum der Ballbesitz (53 Prozent) und die Torschussstatistik (16:8) am Ende so deutlich für sie sprachen.

Vier Minuten nach dem Rückstand segelte eine Flanke von Stefan Schumacher in den Strafraum, wo ausgerechnet Innenverteidiger Oliver Schuster hochstieg und den Ball wuchtig einköpfte. 65. Minute, 1:1. "Ich dachte, der Schuster bleibt bei seinen Leisten - aber heute blieb er halt nicht hinten", spottete ein Crailsheimer Fan auf der Haupttribüne.

Zehn Minuten später wurde es noch bitterer: Flensburgs linker Mittelfeldmann Jörg Esser zog nach Vorarbeit von Hartmut Fuchs trocken ab - 75. Minute, 1:2. TSV-Keeper Marko Hagen streckte sich vergeblich, der Ball zischte flach ins Eck. "Das war so ein Schuss, den man im Training dreimal probiert und jedes Mal auf dem Parkplatz landet", gab Esser später zu.

Bis dahin war das Spiel ein Musterbeispiel für gepflegte Ausgeglichenheit gewesen - zumindest im Mittelfeld. Beide Teams begannen mit einer ausgewogenen Taktik, wenig Risiko, viel Ballgeschiebe. Das Publikum wärmte sich eher mit Bratwurst als mit Torchancen auf. Erst nach der Pause kam Leben in die Partie. "Wir wollten mehr Pressing, aber offenbar hat niemand die Nachricht verstanden", murmelte ein sichtlich genervter Crailsheimer Trainer an der Seitenlinie - seinen Namen wollte er lieber nicht in der Zeitung lesen.

Die Gelben Karten passten ins Bild eines robust, aber nicht unfair geführten Spiels: Hartmut Fuchs holte sich früh (6.) den Karton ab, Crailsheims Innenverteidiger Jannis Gerlach folgte in Minute 25, und später erwischte es auch Adriano Miguel (57.) sowie Flensburgs Passgeber Schumacher (89.). "Ich wollte nur den Ball treffen", sagte Miguel und grinste, "aber der Ball war halt schneller weg."

Kurz vor Schluss wurde es noch einmal dramatisch: Crailsheims Stürmer Sergio Manuel blieb nach einem Zweikampf liegen, musste verletzt raus. Unter Applaus kam Routinier Marwin Blank - 33 Jahre, aber mit der Eleganz eines Oldtimers - aufs Feld. "Ich bin wie guter Rotwein", sagte er nach dem Spiel, "aber leider war heute eher Essig im Spiel."

Crailsheim versuchte in den letzten Minuten alles, schickte sogar den Rechtsaußen Erik Rose auf Torjagd, der in der 82. und 86. Minute zwei ordentliche Abschlüsse hatte. Doch Flensburgs Keeper Lennard Hanke blieb ruhig wie ein Nordseesturm in der Flaute.

Taktisch blieb alles beim Alten - beide Teams mit "balanced" auf dem Spickzettel, wie die Statistik ausweist. Kaum Risiko, wenig Überraschung. Nur Flensburg hatte am Ende die präzisere Mischung aus Geduld und Zielstrebigkeit. "Wir haben nicht schön gespielt, aber effizient", bilanzierte Trainer (Name unbekannt) trocken.

Und Crailsheim? Die Jungs konnten sich immerhin über ihren jungen Torschützen freuen. "Der Wilhelm hat’s drauf", meinte Kapitän Heinrich Kessler, "nur schade, dass wir danach aufgehört haben, Fußball zu spielen."

So bleibt am Ende ein 1:2, das zwar knapp aussieht, aber in Wahrheit ein Lehrstück in Sachen Effektivität ist. Crailsheim verliert den Anschluss an die obere Tabellenhälfte, Flensburg dagegen rückt heimlich Richtung Spitzenplätze vor.

Vielleicht war das Schönste am Abend das Flutlicht selbst - es ließ wenigstens die Gesichter der Crailsheimer Fans glänzen, auch wenn deren Mannschaft das Glänzen auf dem Platz den Gästen überließ.

Oder, wie ein älterer Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Früher haben wir wenigstens unentschieden verloren." Da musste sogar der Ordner lachen.

08.02.644000 10:23
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