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Ein lauer Maiabend, 20.30 Uhr Anstoßzeit, 20 000 Zuschauer im "Silkstadion" von Flint - und mittendrin ein Fußballspiel, das so manche Wettermetapher verdient hätte. Denn was die Broughton Wingmakers an diesem 14. Spieltag der 1. Liga Wales an Schüssen abfeuerten, war eher ein Hagelschauer als ein taktisch kontrolliertes Pressing. Am Ende stand es trotzdem nur 1:1 - und niemand wusste so recht, wie das eigentlich passieren konnte. Die Gäste aus Broughton begannen, als wollten sie die Silkmen in den ersten Minuten gleich aus dem eigenen Stadion schießen. Schon in der zweiten Minute drosch Rechtsverteidiger Mattias Kristinsson aus 25 Metern drauf, kurz darauf versuchte es Innenverteidiger Gerard Brinkerhoff (!) aus ähnlicher Distanz. Der Ballbesitz sprach mit 52 Prozent leicht für die Wingmakers, aber wichtiger war: Sie feuerten sagenhafte 22 Torschüsse ab. Flint? Ganze drei. Effektivität hat eben viele Gesichter. In der 12. Minute fiel dann, was unausweichlich schien. Pierre Marceau, der französische Mittelstürmer der Wingmakers, verwertete nach scharfer Vorarbeit von Thomas Robinson eiskalt zum 0:1. Der Jubel war groß, Trainer Tupac Shakur - ja, so heißt er wirklich - drehte sich zur Bank und grinste: "Endlich mal einer, der dahin schießt, wo das Tor steht." Doch Flint antwortete auf seine Art: mit Geduld, Kampf und dem nötigen Quäntchen Chaos. In der 35. Minute brach Dorian Kluskens auf rechts durch, bekam den Ball von Andreas Stoll mustergültig in den Lauf - und drosch ihn humorlos unter die Latte. 1:1, und das Stadion sang wieder. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte der 21‑jährige Flügelspieler später und grinste verschmitzt. "Wenn man nur drei Chancen im Spiel hat, darf man keine davon schönreden." Die Wingmakers jedoch machten weiter Druck, als ginge es um den letzten Platz im Himmel. Bernal, Mouratidis, Robinson - ein Schuss nach dem anderen, mal knapp vorbei, mal glänzend pariert von Flint‑Keeper Richard Drsek, der später mit leicht glasigen Augen in die Mikrofone sagte: "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Ich weiß nur, dass mein rechter Arm jetzt doppelt so groß ist." Trainer Tupac Shakur wechselte in der zweiten Hälfte munter durch: Krupnikovic kam für Kristinsson, Teenager Nicksay für den müden Mouratidis. Der 19‑Jährige Nicksay brachte frischen Wind und gleich drei Abschlüsse in 25 Minuten Spielzeit - nur das Netz blieb unberührt. "Ich dachte, ich wär schon der Held", murmelte er später, "aber der Ball dachte wohl anders." Flint dagegen konzentrierte sich aufs Überleben. Mit 42 Prozent gewonnener Zweikämpfe und kaum mehr als gelegentlichen Gegenstößen schafften sie es, das 1:1 über die Zeit zu retten. Der junge Rechtsverteidiger Thomas Willoughby sorgte in der 80. Minute mit einem beherzten Distanzschuss für das letzte Aufbäumen der Gastgeber - allerdings mehr zur Unterhaltung als zur echten Gefahr. In der 82. Minute sah Broughtons Linksverteidiger Kai Poe Gelb, nachdem er Kluskens etwas zu liebevoll in die Bande geschoben hatte. "Ich wollte nur tanzen", witzelte Poe danach, während Shakur an der Seitenlinie die Stirn rieb. Die Zuschauer feierten nach Abpfiff ihre Mannschaft, als hätte sie gewonnen - vielleicht, weil sie wussten, dass man mit drei Schüssen und einem Punkt etwas geschafft hatte, was fast schon naturgesetzlich unmöglich schien. Statistisch war es ein Wunder in Zahlen: 22:3 Torschüsse, 52:48 Prozent Ballbesitz für Broughton, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - und trotzdem kein Sieg. Vielleicht lag es an einer Prise Übermut, vielleicht an Drseks Reflexen, vielleicht auch an der alten Fußballweisheit, dass der Ball rund ist und Broughton eckig schoss. "Wir haben alles richtig gemacht, bis auf das Treffen", seufzte Marceau, der Torschütze der Wingmakers. Sein Trainer nickte trocken: "Wenn Schüsse Punkte wären, hätten wir die Liga gewonnen." Auf Flints Seite herrschte dagegen ausgelassene Erleichterung. "Das war kein schönes Spiel", gab Kapitän Theo Winfield zu. "Aber schön ist ja auch nicht immer nötig - manchmal reicht hässlich effektiv." So endete ein Abend, der für die Statistiker ein Rätsel und für die Fans ein kleines Fußballmärchen blieb. Flint Silkmen holen ein 1:1 gegen die schusswütigen Wingmakers - und beweisen, dass man auch mit weniger Ballbesitz, weniger Chancen und etwas Glück zu einem verdienten Punkt kommen kann. Oder, wie es ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions formulierte: "Wenn das Glück den Mutigen gehört, dann war Flint heute der Mutigste von allen." 08.11.643999 03:36 |
Sprücheklopfer
Die biologische Uhr tickt und geht auch an mir nicht vorbei.
Lothar Matthäus