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Es war einer dieser Abende, an denen der Ball einfach nicht das tun wollte, was 35.279 Zuschauer im Stadion "El Danubio" von ihm verlangten. Franja Danubio und CD Cerrense trennten sich zum Auftakt der uruguayischen Liga nach 90 intensiven Minuten 1:1 - und das fühlte sich für beide Seiten irgendwie unbefriedigend an. Dabei hatte CD Cerrense den besseren Start erwischt. Trotz nur sechs Torschüssen im ganzen Spiel traf ausgerechnet Routinier Ryan Skene kurz vor der Pause (44.) ins Schwarze. Nach Vorlage von Sergio Gnabry - nein, nicht der aus München, sondern sein Namensvetter aus Montevideo - zimmerte Skene das Leder humorlos ins rechte Eck. "Ich dachte, der geht vorbei", grinste der 33-Jährige hinterher, "aber manchmal ist der alte Fuß eben noch gut für was." Bis dahin hatte eigentlich nur ein Team gespielt: Franja Danubio. Ganze 18 Abschlüsse, knapp 51 Prozent Ballbesitz, und ein Mittelfeld, das Bengt Anderson und Ricardo Contreras mit jugendlicher Spielfreude choreographierten. Nur der Ball wollte nicht rein. "Ich glaube, wir hätten bis Mitternacht spielen können - der Torwart hätte trotzdem alles gehalten", seufzte Danubio-Trainer Chucky Mandu, halb ironisch, halb verzweifelt. Nach dem Rückstand zur Halbzeit reagierte Mandu. Gleich zwei Wechsel zur Pause: Guy Gagne kam, Marian Iliew blieb, Bengt Anderson durfte duschen - und plötzlich war Feuer drin. Die zuvor eher defensive Taktik wich einer klar offensiven Marschroute. Die Danubio-Spieler stürmten, passten, pressten - und manchmal stolperten sie auch. Timo Schlotterbeck, der deutsche Innenverteidiger mit der Gelben Karte (47.), meinte später trocken: "Ich wollte eigentlich den Ball treffen. Leider war der Gegner im Weg." CD Cerrense, gecoacht von Leahcim Gnipeur, hatte Mühe, die Ordnung zu bewahren. Der Coach brüllte sich an der Seitenlinie heiser, seine Spieler verteidigten tapfer, aber zunehmend fahrig. Arnau Sa Pint kassierte in der 78. Minute noch Gelb, und spätestens da roch es nach dem Ausgleich. In der 73. Minute war es dann so weit: Ricardo Contreras zog in die Mitte, legte clever quer, und Guy Gagne - der französisch-kanadische Wirbelwind - drosch das Leder aus 14 Metern unter die Latte. 1:1, und das Stadion explodierte. "Ich hab gesehen, dass der Keeper zögert, also hab ich einfach draufgehauen", erzählte Gagne später mit einem Schulterzucken. "Manchmal hilft Nachdenken nicht." Die letzten Minuten gehörten ganz den Gastgebern. Pablo Nene vergab in der 88. Minute freistehend - und blickte danach in den Abendhimmel, als wolle er das Universum persönlich zur Rechenschaft ziehen. "Ich schwöre, ich hab getroffen - nur das Tor war woanders", witzelte er nach Schlusspfiff. Statistisch betrachtet war Danubio klar überlegen: 18:6 Torschüsse, 54 Prozent Zweikampfquote, und doch nur ein Punkt. Cerrense dagegen zeigte Effizienz und Nervenstärke - und musste obendrein eine Verletzung von Domingo Andrade (40.) verkraften, der nach einem Zweikampf humpelnd vom Platz musste. "Für uns war das ein kleiner Schock", gab Trainer Gnipeur zu. "Aber wir haben Charakter gezeigt, auch wenn wir am Ende kaum noch aus der eigenen Hälfte kamen." Auffällig war, wie unterschiedlich beide Teams taktisch agierten. Während Cerrense über weite Strecken "balanced" blieb, setzte Danubio nach der Pause alles auf Offensive und Pressing. In der 90. Minute tobte Mandu noch einmal an der Seitenlinie, fuchtelte mit den Armen, als könne er den Ball selbst ins Tor dirigieren. Doch der blieb stur. Nach dem Schlusspfiff gaben sich beide Trainer betont versöhnlich. "Ein Punkt ist besser als keiner", meinte Mandu mit einem Blick, der das Gegenteil verriet. Gnipeur lächelte gelassen: "Wir haben auswärts gegen ein starkes Team standgehalten. Ich nenne das einen Sieg für die Moral." Die Fans von Franja Danubio sahen das anders. Beim Abpfiff klatschte das Stadion zwar, aber es war der Applaus eines Publikums, das weiß: Da war mehr drin. Vielleicht fehlte nur ein Quäntchen Glück - oder ein Stürmer, der den Ball und das Tor voneinander unterscheiden kann. Wenn man den Auftakt als Gradmesser nimmt, dürfte diese Saison spannend werden. Danubio hat das spielerische Potential, Cerrense die Zähigkeit. Und wer weiß - beim nächsten Aufeinandertreffen sitzen wir vielleicht wieder da, schmunzeln, und schreiben über ein 1:1, das sich anfühlt wie ein Déjà-vu mit Fußballschuhen. Oder, wie es Mandu zum Abschied formulierte: "Das war kein gerechtes Ergebnis. Aber immerhin war’s unterhaltsam." Und das war es - für alle, die Fußball lieben, auch wenn er manchmal einfach ein bisschen gemein ist. 11.08.644000 19:51 |
Sprücheklopfer
Es gibt Leute, die denken so, und es gibt Leute, die denken so. Das ist immer so, wenn viele Leute zusammenkommen.
Toni Polster