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Es war ein lauer Frühlingsabend in Rom, 40.247 Zuschauer genossen den Duft von gerösteten Kastanien, ehe sie Zeugen eines kleinen sportlichen Dramas wurden. Atletico Roma ging mit großen Hoffnungen in den 23. Spieltag der 1. Liga Italien - und bekam von Gela eine Lehrstunde in Effektivität. Am Ende leuchtete ein deutliches 1:4 auf der Anzeigetafel, und manch römischer Fan rieb sich verwundert die Augen: War das wirklich die eigene Mannschaft da unten? Schon nach sieben Minuten begann die Misere. Javier Vazques, der bullige Linksaußen Gelas, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von Niels Wegener in den Winkel - ein Tor, das man in Rom wohl noch eine Weile in Albträumen sehen wird. "Ich dachte eigentlich, der Ball sei schon draußen", murmelte Atletico-Keeper Carl Triguero später zerknirscht. Der Ball war es nicht. In der 23. Minute folgte die nächste kalte Dusche: Gawriil Tregubow, Gelas quirliger Rechtsaußen, vollendete nach einem langen Sprint über den Flügel von Filipe Semedo zum 0:2. Da half auch das beherzte Winken von Trainer Georgio Sabani an der Seitenlinie nichts mehr. "Ich wollte, dass sie den Ball laufen lassen, nicht dass sie ihm hinterherlaufen", erklärte Sabani mit einem bitteren Lächeln. Doch dann, kurz bevor die Römer endgültig in die Knie gingen, blitzte kurz die Hoffnung auf. In der 35. Minute fasste sich der junge Dylan Abrial ein Herz, zog von links nach innen und traf - nach feiner Vorarbeit des erst 18-jährigen Claudio Porcu - zum 1:2. Das Stadion erwachte, die Fans glaubten wieder an das Wunder. Für fünf Minuten. Denn Gela ließ sich nicht beirren. Die Gäste, von Trainer Michael Müller mit einer offensiven Grundhaltung eingestellt, kontrollierten das Geschehen beinahe nach Belieben. Zwar hatte Atletico mit 51 Prozent leicht mehr Ballbesitz, doch was nützt der Ball, wenn man nicht weiß, wohin damit? Gela schoss 22-mal aufs Tor, Roma ganze siebenmal - ein Verhältnis, das mehr über den Spielverlauf verrät als jede Taktiktafel. Nach der Pause drückte Gela weiter, als hätte man sich vorgenommen, jeden Quadratmeter des Rasens zu erobern. In der 61. Minute dann der endgültige Genickschlag: Ignacio Barbosa, gerade erst zur Halbzeit für den gelbverwarnten Filipe Meira gekommen, nagelte den Ball nach Vorlage von Innenverteidiger Tahsin Caliskan zum 1:3 ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Barbosa nach dem Spiel. "Manchmal hilft das." Atletico versuchte es danach mit jugendlichem Elan - Valter Bruhn und Oscar Anderson hatten sogar noch ein, zwei brauchbare Abschlüsse -, doch Gela blieb die reifere Mannschaft. In der 81. Minute setzte Niels Wegener den Schlusspunkt, nachdem er zuvor selbst als Vorlagengeber des ersten Treffers geglänzt hatte. Vazques bedankte sich artig mit einem Hackenpass, Wegener schob überlegt ein. 1:4. Ende der römischen Träume. Gelas Trainer Müller zeigte sich nach dem Abpfiff milde euphorisch: "Wir wollten mutig sein, und das waren wir. Vier Tore auswärts - das nimmt man gerne mit. Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen ruhig weiter schießen, irgendwann geht einer rein. Heute gingen vier rein." Ein Satz, der in Rom wohl eher für Magenschmerzen sorgt. Atletico-Coach Sabani dagegen rang um Fassung: "Manchmal sieht Fußball einfach leicht aus - aber eben nur bei den anderen. Wir müssen lernen, dass Ballbesitz keine Trophäe ist." Kurios am Rande: Gela sammelte trotz des klaren Sieges gleich vier Gelbe Karten - offenbar war Einsatz gefragt. Besonders der erfahrene Silvestre Veloso, der in der 60. Minute für Jeno Lisztes Platz machte, hatte Mühe, mit den flinken Römern Schritt zu halten. Veloso im O-Ton: "Ich wollte eigentlich nur den Ball treffen. Der Ball wollte aber nicht getroffen werden." So bleibt von diesem Abend vor allem der Eindruck einer Mannschaft, die wusste, was sie wollte - und einer anderen, die es noch herausfinden muss. Ein älterer Fan auf der Tribüne brachte es treffend auf den Punkt, während er seine Fahne einrollte: "Wir hatten mehr Ball, sie mehr Tore. Vielleicht sollten wir mal tauschen." Ein sarkastisches Fazit, das auch in der Kabine von Atletico Roma niemand wirklich entkräften konnte. Gela fährt mit breiter Brust nach Hause - und Rom bleibt nur die Hoffnung, dass die nächste Woche weniger weh tut. 11.10.643996 06:12 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs