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Was für ein Abend im Godesberger Stadion! 18.383 Zuschauer bekamen an diesem 5. Spieltag der 3. Liga ein Fußballstück zu sehen, das irgendwo zwischen Shakespeare und Slapstick oszillierte. Der FC Godesberg führte zur Pause souverän mit 3:1 - und schaffte es am Ende doch, das 3:3 gegen Weiler im Allgäu zu "erkämpfen". Trainer Rafael Nadal (ja, der Name ist echt, aber nein, er hat keinen Tennisschläger dabei) sprach hinterher von "einem Lehrstück über Chancenverwertung und Demut". Dabei hatte alles nach einem gemütlichen Heimdreier ausgesehen. Schon in der 15. Minute traf der 19-jährige Adam Graysmark, blitzschnell und frech, nachdem Rechtsverteidiger Andre Beck ihn mit einem butterweichen Pass in Szene gesetzt hatte. "Ich hatte gar nicht viel Zeit zu denken, das war vielleicht mein Glück", grinste der Youngster später. Die Freude währte allerdings ganze zwei Minuten, da glich Weilers Mittelstürmer Jannick Fritsch mit der Kaltschnäuzigkeit eines Schneiders beim Maßnehmen aus - 1:1. Sein Treffer, vorbereitet vom offensivlustigen Linksverteidiger Bernd Jahn, war der erste Stich in Godesbergs Abwehrpanzer. Doch Godesberg ließ sich davon nicht beirren. In der 22. Minute schlenzte Mirko Conte den Ball ins lange Eck, nach Vorarbeit von Jamie Winston - ein Treffer, der so viel Stil hatte, dass man ihn auf Leinwand hätte drucken können. Und als Volker Lange kurz vor der Pause (44.) zum 3:1 einschob, ebenfalls nach Vorarbeit von Conte, wirkte alles entschieden. Die Zuschauer sangen schon vom sicheren Sieg, die Ersatzbank grinste breit, und Coach Nadal kritzelte vermutlich schon "3 Punkte" in sein Notizbuch. Doch Fußball ist ein Biest, das sich nicht zähmen lässt. Nach dem Seitenwechsel verwaltete Godesberg mit 68 Prozent Ballbesitz das Geschehen, aber eben nur verwaltete. Weiler-Coach Mino Raiola - ein Mann, dessen Pressekonferenzen eigentlich Eintritt kosten müssten - hatte in der Pause drei Spieler gebracht: Foerster, Meister und Jacobs. "Ich hab’ den Jungs gesagt: Tut so, als hättet ihr nichts mehr zu verlieren. Das hat offenbar funktioniert", lachte er später. In der 74. Minute klingelte es nämlich: Jürgen Linke, 19 Jahre jung, drosch den Ball nach Fritschs Vorarbeit unhaltbar ins Netz - 3:2. Plötzlich witterten die Gäste Morgenluft, und Godesberg begann zu schwimmen wie ein Kater im Planschbecken. Nur vier Minuten später dann der Ausgleich: Linksverteidiger Bernd Jahn, diesmal selbst der Torschütze, traf nach Zuspiel von Max Kelly zum 3:3. Das Stadion verstummte für einen Moment, dann mischten sich ungläubiges Raunen und Galgenhumor. "Das kann doch nicht wahr sein", rief ein Fan, "die spielen doch auf Zeit - aber für wen?" Die letzten zehn Minuten gehörten wieder Godesberg. Schüsse von Graysmark (68.) und Carlsen (50.) verfehlten das Ziel knapp, Rui Barbosa scheiterte gleich mehrfach an Weilers Keeper Costica Rotariu, der einen Sahnetag erwischte. "Ich wusste gar nicht, dass ich so gut bin", witzelte der Torhüter nach Abpfiff, während er sich von seinen Mitspielern feiern ließ. Statistisch gesehen war Godesberg klar überlegen: 15 Torschüsse zu 10, fast 70 Prozent Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote. Nur auf der Anzeigetafel stand das, was zählt - und das war eben ein 3:3. Trainer Nadal wirkte nachdenklich: "Wir haben 45 Minuten lang großartigen Fußball gespielt, dann 45 Minuten vergessen, dass ein Spiel 90 dauert." Sein Gegenüber Raiola sah’s pragmatischer: "Ich hab’ schon schlechtere Remis gesehen. Ehrlich gesagt, ich hätte das Spiel nach 30 Minuten abgeschrieben." Für Weiler war es ein Punkt wie ein Sieg, für Godesberg eher einer wie eine Watsche. Und während die Fans noch diskutierten, ob man drei Tore Vorsprung nun "verschenken" oder "verwalten" nennt, stand Graysmark an der Seitenlinie und murmelte: "Das fühlt sich an wie ein verlorenes Spiel, aber vielleicht lernen wir was draus." Vielleicht. Oder sie schreiben einfach nächste Woche wieder ein ähnlich verrücktes Drehbuch. In dieser Liga scheint jedenfalls kein Ergebnis sicher - schon gar nicht, wenn Godesberg mitspielt. 15.07.643990 06:40 |
Sprücheklopfer
Wir wissen alle, dass Mario nicht gesagt hat, was er gesagt hat, was er gesagt haben soll, dass er es gesagt hat.
Berti Vogts