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Wenn die Atlanta Gorillas ein Heimspiel bestreiten, ist eines sicher: langweilig wird es nicht. Auch diesmal, am 9. Spieltag der 1. Liga USA, bekamen die 39.691 Zuschauer im "Gorilla Dome" ein Spektakel serviert - mit vier Toren, reichlich Energie und einem Hauch Chaos. Am Ende stand ein 2:2 gegen die Los Angeles Astros, das beiden Trainern gleich viel Stoff für hitzige Nachbesprechungen liefern dürfte. Schon in der Anfangsphase deutete sich an, dass hier zwei Teams mit völlig unterschiedlichen Philosophien aufeinandertrafen. Die Astros, taktisch diszipliniert und mit 57 Prozent Ballbesitz stets um Kontrolle bemüht, gegen die Gorillas, die nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" praktisch ohne Notbremse spielten. "Wir wollten sie jagen, nicht begleiten", erklärte Atlantas Trainerin Anja Meister mit einem verschmitzten Lächeln. Die Gäste aus Los Angeles gingen in der 27. Minute verdient in Führung. Ashton Auclair, der flinke Rechtsaußen, verwandelte nach schöner Vorarbeit von Samuel Lansbury - ein Angriff, so sauber aufgezogen, dass man kurz vergessen konnte, dass Fußball auch Kampf sein darf. "Wir haben das trainiert - und ausnahmsweise hat es mal funktioniert", grinste Auclair später in die Kameras. Doch wer die Gorillas kennt, weiß: Rückstände sind für sie nur Einladung zur Eskalation. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte war es Wilhelm Krämer, der aus der zweiten Reihe abzog und den Ball unhaltbar ins rechte Eck jagte. 1:1 - und das Stadion vibrierte. "Ich hab einfach draufgehauen", sagte Krämer danach trocken. "Wenn du lange genug gegen die Wand rennst, fällt sie irgendwann um." Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da klingelte es schon wieder - diesmal auf der anderen Seite. Joseph Chamberlain brauchte in der 47. Minute nur zwei Ballkontakte, um die Astros erneut in Führung zu schießen. Wieder war Lansbury der Vorlagengeber, und wieder sah Atlantas Abwehr kurz aus, als hätte sie kollektiv die WLAN-Verbindung verloren. Doch die Gorillas antworteten prompt. Nur neun Minuten später, in der 56. Minute, traf der 21-jährige Evan O’Brien zum 2:2. Der Youngster wuchtete den Ball nach Pass von Krämer per Vollspann unter die Latte - und riss dabei fast den Torrahmen aus der Verankerung. "Ich hatte keine Zeit nachzudenken, was wahrscheinlich besser war", meinte O’Brien später mit einem Grinsen. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Atlanta feuerte aus allen Lagen (12 Schüsse aufs Tor), während Los Angeles mit feiner Klinge (10 Schüsse) konterte. Besonders aktiv: Kalman Zavadszky, der nach seiner Einwechslung gleich dreimal gefährlich abschloss, aber stets an Astros-Keeper Evan Clancy scheiterte. Die Partie blieb bis zum Schluss intensiv - manchmal zu intensiv. In der 57. Minute sah Alfie Monroe Gelb, später erwischte es auch Roberto Terme (76.). Bei den Gorillas hatte Innenverteidiger Domingo Xavier schon in der 43. Minute eine Verwarnung kassiert, nachdem er Chamberlain etwas zu leidenschaftlich in den Rasen gedrückt hatte. Kurios wurde es in der 86. Minute, als Astros-Stürmer Morgan Rushton nach einem Zweikampf humpelnd zu Boden ging. Das Publikum hielt kurz den Atem an, ehe er durch Corey Hoskins ersetzt wurde. "Morgan hat sich wohl mehr erschreckt als verletzt", sagte Astros-Coach lakonisch nach dem Spiel. In den Schlussminuten brannte es noch ein paar Mal lichterloh - Zavadszky (85.) auf der einen, Chamberlain (92.) auf der anderen Seite - doch beide Teams schafften es nicht mehr, den entscheidenden Treffer zu landen. "Ich hätte ihn machen müssen", murmelte Chamberlain nach Abpfiff, während Anja Meister auf der anderen Seite lachte: "Hätten, hätten, Flankenkette." Statistisch sah es am Ende nach einem Lehrbuch-Unentschieden aus: 2:2 Tore, 12:10 Torschüsse, leichtes Ballbesitzplus für die Gäste, aber mehr Zweikampfhärte bei den Gorillas (52 Prozent gewonnene Duelle). Und irgendwo zwischen all den Zahlen blieb der Eindruck eines Spiels, das eher Herz als Ordnung kannte. "Wir haben heute Fußball gearbeitet, nicht gespielt", fasste Meister zusammen. Ihr Gegenüber nickte zustimmend - und fügte hinzu: "Aber manchmal ist Arbeit auch Kunst, wenn der Schweiß schön glitzert." Ob das nun Poesie oder Müdigkeit war, blieb offen. Sicher ist nur: Wer dieses Spiel gesehen hat, bekam 90 Minuten ehrlichen Wahnsinn - und das ganz ohne Overtime. Und irgendwo in Atlanta, so munkelt man, übt Wilhelm Krämer schon wieder Weitschüsse. Für alle Fälle. 30.08.643990 11:57 |
Sprücheklopfer
Die Nase ist halt eine verletzliche Stelle, und wenn man sie mit den Stollen oder der Fußspitze berührt, kommt es zu Nasenbluten.
Günter Netzer