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Manchmal fragt man sich, ob eine Mannschaft wirklich im selben Spiel war wie die andere. 46.441 Zuschauer im "Banana Dome" von Atlanta bekamen am 19. Spieltag der 2. Liga USA jedenfalls ein Spektakel geboten, das eher an ein Trainingsspiel erinnerte - allerdings nur für die Atlanta Gorillas. Die Wilmington Hammers durften zwar mitspielen, aber selten den Ball. Das Endergebnis von 5:0 (2:0) war fast noch schmeichelhaft. Schon nach drei Minuten war klar, in welche Richtung dieser Abend gehen würde. Wilhelm Krämer, der Mann mit der Sechser-Maschine im Blut, nagelte einen Abpraller aus 18 Metern ins lange Eck. Gabriel Petre hatte den Angriff über links mit einem beherzten Sprint eingeleitet. "Ich dachte, ich flanke einfach mal - und plötzlich jubeln alle", grinste Petre später, der selbst noch in der ersten Halbzeit nachlegte. In der 39. Minute nämlich drückte der linke Verteidiger nach einem Pass des flinken Jarrod Bowen selbst ab - 2:0, und die Hammers wirkten bereits wie geschmiedet, aber leider zu Boden. Wilmingtons Keeper Vitorino Mendes schimpfte lauthals: "Ich kann doch nicht alles halten!", und man glaubte es ihm sofort. Die Gorillas hatten in den ersten 45 Minuten 14 Torschüsse, Wilmington gerade einmal drei. Ballbesitz? 54 zu 46 Prozent - und das, obwohl die Gäste laut Statistik "offensiv ausgerichtet" waren. Trainerin Anja Meister kommentierte trocken: "Wenn das offensiv war, dann will ich gar nicht wissen, wie defensiv aussieht." Nach dem Seitenwechsel ging das Spektakel munter weiter. In der 55. Minute kombinierten sich Krämer und Gheorghe Sapunaru durch die Hammers-Abwehr, die plötzlich aussah wie ein löchriger Maschendrahtzaun. Sapunaru blieb cool und schob zum 3:0 ein. "Wilhelm hat mir den Ball so serviert, da musste ich mich schon fast entschuldigen, wenn ich ihn nicht reinmache", sagte der 21-jährige Stürmer. Danach hatten die Gorillas sichtbar Spaß am Spiel. Nelson Semedo, eigentlich Rechtsverteidiger und schon in der 14. Minute mit Gelb verwarnt, stürmte in der 81. Minute nach vorn, als wäre er Flügelstürmer in einem Arcade-Spiel - und traf tatsächlich. Wieder hatte Krämer seine Füße im Spiel, diesmal als Vorlagengeber. "Ich wollte eigentlich nur flanken, aber Nelson hat den Ball einfach geklaut", witzelte der Mittelfeldchef. Drei Minuten später machte Harrison Baker endgültig den Deckel drauf. Der rechte Flügelstürmer wurde von Jarrod Bowen in Szene gesetzt und vollstreckte humorlos zum 5:0. Dass er danach noch zwei, drei Großchancen liegen ließ, fiel da kaum ins Gewicht. "Ich wollte den Ball auch mal den Fans schenken", scherzte Baker nach dem Spiel. Wilmington? Nun ja. Vier Schüsse aufs Tor, keiner drin. Liam Caviness, der erfahrene Mittelstürmer, hatte gleich in der zweiten Minute die einzige echte Chance - doch Gorillas-Keeper Jozef Moravcik war hellwach. Danach kam von den Hammers wenig. Trainer Bill Donahue (der Name des rechten Mittelfeldspielers ist reiner Zufall) wirkte an der Seitenlinie zunehmend ratlos. "Wir wollten über die Flügel kommen, aber die Flügel waren gar nicht vorhanden", sagte er nach dem Spiel mit einer Mischung aus Galgenhumor und Verzweiflung. Die Zahlen sprechen ohnehin Bände: 26 Torschüsse für Atlanta, 4 für Wilmington. Zweikampfquote 58 zu 42 Prozent. Selbst im Laufen wirkte Atlanta spritziger, entschlossener, ja, beinahe beschwingt. "Wir haben einfach gespielt, als wäre es ein Freundschaftsspiel mit Punktezuschlag", lachte Trainerin Meister und lobte besonders ihren Spielmacher Krämer: "Er war überall - nur nicht im Souvenirshop." Die Zuschauer verabschiedeten ihre Gorillas mit stehenden Ovationen. Einige pfiffen sogar die "Banana Song"-Melodie, während die Mannschaft eine Ehrenrunde drehte. Auf der Pressekonferenz fragte ein Reporter, ob Meister angesichts dieses Kantersiegs schon an den Aufstieg denke. Ihre Antwort: "Ich denke erstmal an den nächsten Gegner. Und an Eis für alle." Ein 5:0, das keine Fragen offenlässt - außer vielleicht eine: Wie viele Tore hätten die Gorillas geschossen, wenn sie wirklich durchgezogen hätten? Wilmingtons Verteidiger Claude Boulanger antwortete darauf mit einem müden Lächeln: "Dann stünde es wohl zweistellig." Und so endete ein lauer Maiabend in Atlanta mit der Erkenntnis, dass Gorillas nicht nur auf Bäume klettern, sondern auch über Hämmer drübersteigen können. Manche Spiele sind eben Lehrstücke - dieses war eines in Sachen Dominanz, Spielfreude und Selbstironie. Schlusswort? Nun gut: Wenn die Gorillas weiter so auftreten, sollten die Gegner demnächst vielleicht Schutzhelme tragen. 16.01.644000 06:22 |
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