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Wenn 16.000 Zuschauer am Samstagabend ins Harrisburg-Stadion pilgern, hoffen sie meist auf ein Spektakel - dass aber die Atlanta Gorillas die Gastgeber in ihre Einzelteile zerlegen würden, hatte wohl selbst der optimistischste Fan der Gäste nicht erwartet. Am Ende stand ein deutliches 0:4 (0:3) auf der Anzeigetafel, und das, obwohl die Isles mit über 56 Prozent Ballbesitz eigentlich die meiste Zeit den Ball hatten. Leider nur eben nicht das Tor. Schon nach acht Minuten nahm das Unheil seinen Lauf: Rafael Martins, der flinke Linksaußen der Gorillas, spazierte nach Zuspiel von Gheorghe Sapunaru durch die Abwehr, als würde er einen Sonntagsspaziergang im Park machen - und schob eiskalt ein. "Ich dachte, er will noch querlegen", stöhnte Isles-Verteidiger Charlie Carter nach dem Spiel, "aber er hat einfach geschossen. Frechheit." Zwölf Minuten später dann die Szene, die die Isles-Abwehr endgültig in Schockstarre versetzte. Sapunaru, 21 Jahre jung und offenbar mit einem eingebauten Radar für Lücken, verwertete eine Flanke von Rechtsverteidiger Nelson Semedo zum 0:2. Keine zwei Minuten später erhöhte wieder Martins - diesmal nach Vorlage von Innenverteidiger Bram Groot, der mutig bis an die Mittellinie marschiert war. "Ich wollte eigentlich nur den Ball nach vorne dreschen", gab Groot hinterher grinsend zu, "aber Rafael macht halt was draus." Zur Halbzeit stand es also 0:3, und die Heimfans schauten betreten auf ihre Hotdogs. Dabei war der Wille der Isles durchaus da, der Ballbesitz sprach sogar für sie. Doch was nützt schon Kontrolle, wenn vorne die Durchschlagskraft fehlt? Bailey Haddock und Kai Locklear versuchten es zwar mit je einem beherzten Schuss (11. und 15. Minute), aber Gorillas-Keeper Alberto Benedetto wäre wohl selbst dann ruhig geblieben, wenn man ihm einen Roman vorgelesen hätte. Im zweiten Durchgang änderte sich wenig. Die Gorillas blieben offensiv - ihre Taktik laut Statistik: "offensiv, aggressiv, Schuss aus jeder Lage". Und genau so sah es aus. 18 Torschüsse insgesamt, während Harrisburg ganze drei zustande brachte. Trainerin Anja Meister von den Gorillas kommentierte das kühl: "Wir wollten nicht zu viel nachdenken, sondern einfach Tore schießen. Hat funktioniert." Harrisburg-Coach, der nach dem Spiel lieber anonym bleiben wollte ("Schreiben Sie einfach: ein entnervter Mann in blau"), fluchte hingegen über die Naivität seiner Hintermannschaft: "Wenn du dreimal zuschaust, wie die Jungs den Ball reintragen, dann bist du halt kein Gastgeber mehr, sondern Statist." In der 49. Minute kassierte Evan Darabont noch Gelb - vielleicht aus Frust, vielleicht aus Verzweiflung. "Ich wollte einfach ein Zeichen setzen", erklärte er später, "leider war das Zeichen offenbar Foul." Ab Minute 59 wechselte Meister durch - frische Beine, gleiche Wucht. Dordevic, Hardin und Manuel kamen, die Kontrolle blieb. Kurz vor Schluss, in der 89. Minute, durfte Sapunaru noch einmal: Nach schöner Vorarbeit von Tomas Baranek legte er den Ball gefühlvoll ins lange Eck. 0:4, der Rest war Schweigen. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Gorillas heißen, sondern auch so spielen", grinste Sapunaru in der Mixed Zone, während Martins daneben den Reporter mit einer Banane antippte und lachte: "Energiequelle, Bruder." Die Statistik passte zum Bild: 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Atlanta, dazu deutlich mehr Zug zum Tor. Harrisburg dagegen kombinierte sich geduldig durchs Mittelfeld, als würde es für Ballkontakte Punkte geben. "Schön gespielt, aber null Effekt", murmelte ein Fan auf der Tribüne, "das war Tiki-Taka ohne Tiki." Am Ende blieb den Isles nur Applaus für den Gegner. Die Gorillas hatten mit jugendlicher Leichtigkeit triumphiert - Sapunaru und Martins, beide erst 21, wirkten wie zwei Jungs, die auf dem Schulhof einfach mehr Spaß am Ball hatten als alle anderen. "Das war fast schon Kunst", sagte Trainerin Meister zum Abschluss, "aber keine zarte, sondern mit Spraydose." Und als die letzten Fans das Stadion verließen, fragte ein älterer Herr kopfschüttelnd: "Warum heißen die eigentlich Isles? Weil sie so isoliert vom Tor spielen?" Ein bitterer Abend für Harrisburg, ein Fest für Atlanta - und ein Spiel, das zeigt: Ballbesitz ist schön. Tore sind schöner. 04.10.643999 05:10 |
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Ein Trainer ist nicht ein Idiot. Ein Trainer sehen was passieren in Platz.
Giovanni Trappatoni