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Wenn 40.023 Zuschauer im Estádio Olímpico gleichzeitig aufstöhnen, dann weiß man: Es war wieder einer dieser Abende, an denen Gremio Porto Alegre einem Herzinfarkt gefährlich nahekommt. Am 7. Spieltag der 1. Liga Brasilien rettete sich das Team von Trainer Huub Stevens mit einem späten 2:2 gegen Campina Grande - und das nach einem 0:2-Pausenrückstand, der nach 45 Minuten noch wie ein offener Brief an alle Pessimisten aussah. In den ersten Minuten sah alles nach einem gemütlichen Heimspiel aus: Gremio hatte den Ball, Campina Grande den Platz für Konter. Und genau so fiel das 0:1. In der 17. Minute zog Amaury Antunes aus gut 20 Metern einfach mal ab - der Ball flatterte, Torwart David Djalo griff ins Leere. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Djalo später, als er in der Mixed Zone hilflos die Schultern zuckte. Nur acht Minuten später kam es noch dicker: Nach einem schnellen Angriff über den rechten Flügel flankte Guy König, und Liam Sterling drosch den Ball humorlos unter die Latte - 0:2. Campina Grande spielte in dieser Phase so frech, dass man meinen konnte, Trainer Tobias Wassermann habe seinen Spielern vor dem Anpfiff den Befehl gegeben, einfach Spaß zu haben. "Wir wollten Gremio ein bisschen überraschen", grinste er später. "Und ehrlich gesagt, das hat funktioniert - zumindest eine Halbzeit lang." Stevens hingegen wirkte an der Seitenlinie wie ein Mann, der gerade herausgefunden hat, dass sein Navi ihn in die Wüste führt. "Ich habe den Jungs in der Pause gesagt: Ihr seid keine Touristen. Also benehmt euch auch nicht so", knurrte er nach dem Spiel. Seine Worte wirkten. Die zweite Hälfte begann mit Druck, Leidenschaft - und endlich mit Toren. In der 58. Minute setzte sich Zoltan Szabo über rechts durch, flankte mit chirurgischer Präzision, und Mattias Mattson köpfte wuchtig zum 1:2 ein. Der Anschlusstreffer war wie ein doppelter Espresso für Gremio: Plötzlich lief der Ball, die Fans sangen, und Huub Stevens gestikulierte wieder wie ein Mensch, der an Fußball glaubt. Campina Grande hatte in dieser Phase kaum noch Entlastung, obwohl sie mit 11 Torschüssen durchaus gefährlich blieben. Besonders Liam Sterling, Campinas quirliger Flügelflitzer, prüfte Djalo in der 71. und 93. Minute erneut, aber der Keeper machte seine Sache diesmal besser. Gremio hingegen war unermüdlich. 16 Torschüsse, 58 Prozent Ballbesitz, 51 Prozent gewonnene Zweikämpfe - die Zahlen erzählten dieselbe Geschichte wie der Blick auf den Platz: totale Dominanz, aber zu wenig Ertrag. Bis zur 89. Minute. Dann kam Janos Baroti. Der junge Mittelfeldmann, zuvor schon mit Gelb verwarnt, stürmte in den Strafraum, als gäbe es kein Morgen. Hans Davidsen, frisch eingewechselt und mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, legte quer - Baroti traf. 2:2! Das Stadion explodierte, Stevens riss die Arme hoch, und irgendwo in Porto Alegre wurden vermutlich ein paar Gläser zerschmettert - aus Freude oder Erleichterung, man weiß es nicht. "Ich hab nur gedacht: Wenn ich jetzt daneben schieße, muss ich den Bus nach Hause nehmen", lachte Baroti später. Man glaubt ihm sofort. Die letzten Minuten waren purer Nervenkitzel. Campina Grande warf noch einmal alles nach vorne, sogar Innenverteidiger Henri Billet kam in der 95. Minute zum Abschluss - doch Djalo hielt den Punkt fest. Am Ende stand ein 2:2, das für beide Seiten wie ein Sieg schmeckte - oder wie eine verpasste Chance, je nach Perspektive. Stevens war zufrieden, zumindest halb: "Wir haben Charakter gezeigt. Und ein bisschen Chaos. Aber manchmal ist genau das Fußball." Wassermann dagegen grinste: "Wenn man in Porto Alegre 2:2 spielt, darf man ruhig glücklich sein. Auch wenn mein Blutdruck was anderes sagt." So endet ein Abend, an dem Gremio Porto Alegre bewies, dass man auch mit einem Rückstand leben kann - solange man ihn theatralisch genug aufholt. Und Campina Grande? Die nehmen einen Punkt mit und das Gefühl, den Großen mal ordentlich auf die Nerven gegangen zu sein. Oder, wie ein Zuschauer beim Hinausgehen sagte: "Zwei Tore, zwei Nervenkrisen, ein Bier zu wenig - perfekter Fußballabend." 29.03.643987 13:40 |
Sprücheklopfer
Bei mir nicht, ich spiele ja nur 70 Minuten.
Mario Basler auf die Frage, ob es in der neuen Saison zu einer Überbelastung der Fußballprofis kommt