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Es war einer dieser Abende, an denen das Stadion bebt, die Fans singen, und am Ende doch nur eine Mannschaft jubeln darf. 37.371 Zuschauer drängten sich am späten Samstagabend im "Blue Dome" von Quebec - und sahen ein Duell, das weniger an ein Feuerwerk als an einen taktischen Schachabend erinnerte. Montreal Power gewann bei den Quebec Blues mit 1:0, dank eines Treffers von Bastiaan Groat in der 76. Minute. Dabei hatten die Blues eigentlich alles, was man braucht, um ein Tor zu schießen - außer eben ein Tor. Neun Abschlüsse, fast identischer Ballbesitz (49,4 Prozent) und jugendlicher Elan in der Offensive, aber der Ball fand einfach nicht den Weg an Montreals Routinier Cesare Aiello vorbei. Der 34-jährige Keeper strahlte die Ruhe eines Mannes aus, der schon alles gesehen hat - und wahrscheinlich auch schon alles gehalten hat. "Ich hab nur die Hände hingehalten", grinste Aiello später, "der Rest war Physik." Trainer Gerd Froebe, sonst nicht für seine Zurückhaltung bekannt, brauchte nach dem Spiel eine Weile, um die passende Tonlage zu finden. "Wir haben gut gespielt. Nur das mit dem Toreschießen, das üben wir noch mal. Vielleicht morgen. Oder übermorgen", sagte er mit einem müden Lächeln. Seine junge Mannschaft - im Schnitt kaum älter als 21 - hatte den erfahrenen Gästen aus Montreal über weite Strecken Paroli geboten. Vor allem die Teenager Agustin Mendes und Erland Bratseth wirbelten auf den Flügeln wie zwei, die noch nicht wissen, dass man manchmal vorsichtig sein sollte. Montreal dagegen spielte, wie es der Vereinsname verspricht - mit Power, aber auch mit Cleverness. Trainerin Sophia Kirstein hatte ihr Team perfekt eingestellt: "Wir wussten, dass Quebec früh Druck macht. Wir haben abgewartet, das Spiel kontrolliert und dann zugestochen." Und genau so war es. Nach einer Stunde hatte sich das Geschehen weitgehend in die Mitte verlagert, die Pässe wurden kontrollierter, die Geduld größer - und dann kam Groats Moment. Ein unscheinbarer Angriff über die linke Seite, Sigfrid Kraft - der bereits in der dritten Minute Gelb gesehen hatte und fortan auf dünnem Eis schwebte - brachte eine butterweiche Flanke in den Strafraum. Groat, 33 Jahre alt, rechte Außenbahn, Veteran, nahm den Ball volley, als wäre er bei einem Training in Amsterdam, nicht in einem hitzigen kanadischen Ligaspiel. Der Ball zischte ins rechte Eck - Quebecs junger Keeper Gerard Silvestre flog, sah gut aus, kam aber nicht ran. 1:0 Montreal. "Ich hab den Wind gespürt, bevor ich den Ball getroffen hab", erzählte Groat hinterher mit einem Augenzwinkern. "Da wusste ich, das Ding geht rein." Danach verteidigte Montreal mit der stoischen Ruhe einer Mannschaft, die schon viele knappe Siege über die Zeit gebracht hat. Froebe warf alles nach vorn, brachte den schnellen Claude Leclair, ließ Lewis MacLaren fast als zweiten Mittelstürmer agieren - doch am Ende fehlte die Präzision. "Wir haben uns bemüht", sagte MacLaren trocken, "aber Aiello hat heute wohl die Hände eines Oktopus." Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 12:9 Torschüsse für Montreal, 50,6 Prozent Ballbesitz für die Gäste, leicht bessere Zweikampfquote (52,1 Prozent). Aber der Unterschied lag im Detail - und im Abschluss. Während Quebecs Grantham zweimal aussichtsreich verzog, setzte Montreal auf Effizienz. Einer reichte. In der 90. Minute noch einmal Aufregung: Froebe schrie von der Seitenlinie, "Los, Jungs, einer geht noch!", während Trainerin Kirstein seelenruhig ihre Wasserflasche öffnete. Ihr Team spielte den Ball über vier Stationen zurück zum Keeper - Zeitspiel par excellence, aber regelkonform. "Wenn’s funktioniert, ist es Taktik. Wenn nicht, ist es Feigheit", kommentierte sie später mit einem Lächeln. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die Gäste, während die Blues geknickt, aber nicht gebrochen vom Feld gingen. Es war eine Lehrstunde in Sachen Abgeklärtheit - und ein Spiel, das in Quebec noch einige Tage diskutiert werden dürfte. Im Presseraum fasste Froebe das Ganze mit typisch trockener Ironie zusammen: "Die Jungs sind jung, das ist das Gute. Sie haben Zeit, das Schlechte zu verlernen." Montreal Power dagegen festigt mit diesem Sieg seine Position im oberen Tabellendrittel der 1. Liga Kanada. Für Quebec bleibt es bei der Erkenntnis: Schöne Spiele gewinnen keine Punkte, Tore schon. Und vielleicht, ganz vielleicht, üben sie morgen doch schon das Toreschießen. Denn wer so spielt wie die Blues an diesem Abend, verdient irgendwann auch mehr als Applaus. Bis dahin aber bleibt Bastiaan Groats goldener Moment der Unterschied zwischen Licht und Schatten in einem spannenden, manchmal unfreiwillig komischen, aber jederzeit ehrlichen Fußballabend. 27.10.643999 11:48 |
Sprücheklopfer
Jens Jeremies erinnert mich an den jungen Lothar Matthäus.
Lothar Matthäus