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London - Es war alles angerichtet für einen standesgemäßen Auftakt der London Gunners in die neue Saison der 1. Liga England: Flutlicht, 40.000 euphorisierte Fans im Stadion, 59 Prozent Ballbesitz und ein Gegner, der auf dem Papier eher wie ein freundlicher Sparringspartner aussah. Am Ende aber standen die Gunners mit leeren Händen da - 1:2 gegen den FC Southampton. Und das auf die wohl schmerzhafteste Art, die der Fußball zu bieten hat: durch einen Treffer in der Nachspielzeit. Dabei begann alles wie aus dem Drehbuch eines Heimspiels. Schon nach wenigen Minuten rollten die Angriffe der Londoner. Niclas Brinkmann prüfte den Gäste-Keeper Mancuso früh (3.), Bruno Aguas tänzelte sich zweimal sehenswert durch (11., 41.), und Yusuf Balta schien in Hochform - er schoss, als würde er pro Versuch bezahlt. "Wenn wir ein bisschen mehr Zielwasser gehabt hätten, wäre das hier eine klare Sache geworden", knurrte Trainer Ross später zwischen zwei tiefen Atemzügen. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn Effizienz nicht manchmal den schönen Schein bestraft. In der 19. Minute ging Southampton mit seiner ersten echten Offensivaktion in Führung: Der junge Liam Allington steckte den Ball steil durch, Manuel Tiago blieb eiskalt und schob zum 0:1 ein. 40.000 Londoner stöhnten - und zwei Minuten später jubelten sie wieder. Adam Ross flankte butterweich von links, Yusuf Balta nahm den Ball volley und traf zum 1:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Balta später. "Wenn ich drüber nachdenke, geht der wahrscheinlich in die Themse." Danach dominierte London, als ginge es um Ballbesitz-Statistiken statt um Tore. 19 Torschüsse gegenüber 9 der Gäste, doch Mancuso im Southampton-Tor war an diesem Abend ein Mann mit Klett-Handschuhen. "Ich hab einfach alles gehalten, was ging", sagte er und lachte. Sein Trainer Michael Böning sah das etwas analytischer: "Wir wussten, dass London viel über die Flügel kommt. Also haben wir sie kommen lassen - und gehofft, dass sie irgendwann müde werden." Nach der Pause wurde das Spiel fahriger. Die Gunners kombinierten weiter geduldig, vielleicht zu geduldig, während Southampton lauerte. In der 76. Minute holte sich Charles Bail eine gelbe Karte, als er Bruno Aguas ummähte. "Das war kein Foul, das war ein Statement", scherzte sein Kapitän später. Kurz darauf kassierte auch Brinkmann Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Trikotzupfen nicht zum Regelwerk gehört. Die letzten Minuten waren dann ein Lehrstück in Sachen Ironie. Während die Gunners in der 92. Minute noch einen wütenden Schuss von Lionel Manu abgaben, lauerte Southampton auf den finalen Stich. In der 91. Minute - ja, Fußball hat seine eigene Zeitrechnung - schickte Gabri Yanez den pfeilschnellen Gabriel Beecroft auf die Reise, und der 21-Jährige vollendete nervenstark zum 1:2. Jubel beim Gast, Fassungslosigkeit beim Heimteam. "Ich dachte, der Schiri pfeift gleich ab", sagte Beecroft später mit einem breiten Grinsen. Sein Trainer Böning umarmte ihn so fest, dass der Youngster kaum Luft bekam. "Manchmal", meinte Böning, "reicht ein Sprint, um 90 Minuten Leiden zu belohnen." London dagegen suchte verzweifelt nach Erklärungen. Torwart Dorian Verguts gestikulierte wild, als wollte er fragen, wo seine Abwehrkollegen geblieben waren. Trainer Ross hingegen blieb erstaunlich gefasst: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht gewonnen. Das ist der Unterschied zwischen Ballbesitz und Erfolg. Vielleicht sollten wir künftig weniger schön spielen und mehr treffen." Southampton hatte am Ende nur 40 Prozent Ballbesitz, aber 100 Prozent Willen. Ihre Taktik - offensiv ausgerichtet, mit mutigem Pressing und später voller Einsatzbereitschaft - trug Früchte. London, stets ausgewogen und kontrolliert, wirkte fast zu brav. Als die Spieler vom Platz trotteten, klatschte das Publikum trotzdem höflich - vielleicht aus Anerkennung für den Aufwand, vielleicht aus Ratlosigkeit. Einer der Fans brachte es auf der Tribüne auf den Punkt: "Schön gespielt, aber Punkte gibt’s halt nicht für Ästhetik." So steht nach dem 1. Spieltag fest: Die Gunners haben viel Ball, aber keine Punkte. Southampton dagegen reist mit drei Zählern, breitem Grinsen und einer Geschichte im Gepäck, die sie ihren Enkeln erzählen können - vom Abend, an dem sie London im eigenen Stadion in der 91. Minute schockten. Und irgendwo in der Kabine summte Gabriel Beecroft leise vor sich hin: "Nachspielzeit ist die beste Zeit." Ironie des Fußballs eben. 30.05.643990 00:40 |
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Otto Rehhagel