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Es war ein dieser nasskalten Abende, an denen der Wind vom Meer her das Stadion der Holyhead Blues in ein akustisches Ungeheuer verwandelt. 43.500 Zuschauer trotzten am Mittwochabend den Böen und bekamen beim 3:2 (1:1) über Nazareth Illit eine Achterbahnfahrt der Gefühle serviert - inklusive Helden, Pechvögeln und einem Trainer, der später meinte: "Ich hab zehn Jahre gealtert, aber das war’s wert." Die Partie begann, wie sie endete: wild. Schon nach zwei Minuten prüfte Ryan Caviness den gegnerischen Keeper Daniel Hunt mit einem Schuss, der so laut klatschte, dass man ihn vermutlich bis Bangor hörte. Doch die Blues verpassten das frühe Ausrufezeichen - und Nazareth Illit konterte eiskalt. In der 17. Minute fand Nevio Bosingwa mit einem perfekten Pass den einstartenden György Weiskopf, der den Ball trocken ins lange Eck setzte. 0:1 - und Trainer Jörg Hammer ballte an der Seitenlinie die Faust, als hätte er gerade den Pokal gewonnen. Bei den Blues sah man kurz betretene Gesichter, doch Ferenc Kabat hatte offenbar keine Lust auf Trübsal. Nach einer halben Stunde sagte er zu seinem Nebenmann Lewis Kinsella: "Wenn die uns Platz lassen, hau ich ihn einfach mal rein." Sechs Minuten später tat er genau das. Ein wuchtiger Rechtsschuss in der 36. Minute, unhaltbar - 1:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Kabat später, "aber sagen Sie das bloß nicht dem Trainer." Die erste Halbzeit war geprägt von offener Feldschlacht. Beide Teams legten ein Tackling-Niveau hin, das jeder Rugby-Partie Ehre gemacht hätte (49,9 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Blues, 50,0 für Nazareth Illit - also quasi Gleichstand). Holyhead hatte etwas mehr Ballbesitz (57 Prozent), aber die Gäste wirkten gefährlicher im Umschaltspiel. Nach der Pause schien Hammer seiner Mannschaft in der Kabine eine Dosis Espresso intravenös verabreicht zu haben. Nazareth Illit kam mit langen Bällen und einer ordentlichen Portion Wucht aus der Kabine. In der 53. Minute wurde das belohnt: Henrik Gudjohnsen schickte Karol Penksa durch die Mitte, der blieb cool und schob zum 1:2 ein. Plötzlich hörte man nur noch das leise Zähneknirschen von Blues-Coach Jürgen Steinmetz. Doch wer die Blues schon abgeschrieben hatte, kennt Holyhead schlecht. In der 62. Minute legte Andrew Callahan quer auf den jungen Ramon Vaz - und der drosch den Ball so präzise ins Eck, dass Hunt nur hinterherblicken konnte. 2:2, pure Ekstase auf den Rängen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber er kam zurück wie ein Bumerang", lachte Vaz später über seinen eigenen Treffer. Die Schlussphase wurde zum Nervenkrimi. Nazareth Illit wechselte gleich dreimal in den letzten zehn Minuten, während die Blues weiter anrannten. Dann, in der 84. Minute, passierte, was in Holyhead fast schon zum Ritual wird: Ferenc Kabat zauberte eine Flanke aus dem Fußgelenk, Caviness stieg in den Sturm der Nacht und köpfte zum 3:2 ein. Das Stadion explodierte. "Ich hab den Ball kaum gesehen, nur gespürt", sagte Caviness. "Und dann war’s einfach nur laut." Nazareth Illit warf in den letzten Minuten alles nach vorn, inklusive Torwart Hunt bei einem Eckball in der Nachspielzeit. Doch die Blues verteidigten mit der Zähigkeit eines Hafenarbeiters auf Überstunden. Als der Schlusspfiff ertönte, fielen einige Spieler auf die Knie - vielleicht aus Erleichterung, vielleicht auch, weil die Beine schlicht leer waren. "Manchmal muss man durch den Sturm gehen, um Sonne zu sehen", philosophierte Steinmetz auf der Pressekonferenz. Sein Kollege Hammer hingegen schüttelte nur den Kopf: "Wir haben gut gespielt, aber Holyhead hatte das Quäntchen Glück - und vielleicht auch den besseren Wind." Statistisch war’s ein enges Ding: 13 zu 11 Torschüsse, leicht mehr Ballbesitz für die Blues, und drei Gelbe Karten, die das robuste, aber faire Spiel unterstrichen. Doch Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte bestand aus Herz, Chaos und einem Publikum, das sein Team nach vorne schrie. Am Ende stand ein 3:2, das in Erinnerung bleiben wird - nicht nur wegen der Tore, sondern wegen der Dramatik, der Leidenschaft und des Gefühls, dass Fußball manchmal einfach das schönste aller Ärgernisse ist. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen grinste: "Ich hab’s überlebt. Aber mein Puls braucht jetzt Urlaub." 29.03.643987 20:00 |
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Wir fahren hin, hau'n die weg und fahren wieder zurück.
Peter Neururer