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Manchmal erzählen Zahlen mehr als tausend Phrasen: 2:6, 20 Torschüsse für Millwall, ganze sechs für Hucknall Town. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass das Publikum im Hucknall Stadium an diesem kühlen Februarabend mehr als nur ein Debakel gesehen hat - nein, es war ein Lehrstück in Sachen Effizienz, Selbstironie und, ja, britischem Humor. "Wir wollten offensiv auftreten", erklärte Hucknall-Coach Maddes Kaiser nach dem Spiel mit einem leicht gequälten Lächeln. "Dass Millwall das allerdings auch wollte - und deutlich besser konnte - war uns in der 14. Minute endgültig klar." Da nämlich eröffnete Tyler Boyle, der flinke Rechtsaußen der Gäste, den Torreigen, nach feiner Vorarbeit von Mittelstürmer Benjamin Fryer. Es war der Beginn eines Abends, an dem Boyle und seine Kollegen nach Belieben kombinierten. Hucknall hielt zunächst noch tapfer dagegen. Nach einer frühen Gelben Karte für Oscar Dennehy (22.) und der Verletzung von Ricardo Bosingwa (24.) schien das Team kurzzeitig aus dem Tritt - doch plötzlich, in der 26. Minute, zappelte der Ball im Netz der Londoner. Ryan Carter, der junge Linksaußen, traf nach Vorarbeit des eingewechselten Thierry Bergeron. Das Stadion bebte, die Fans sangen, und man glaubte für einen Moment an ein kleines Fußballwunder. Nur, Millwall hatte andere Pläne. Boyle legte nach (37.), dann traf Robert Bancroft per Distanzschuss (43.), und kurz vor der Pause erhöhte Christopher Thackeray mit einem trockenen Abschluss (45.) auf 1:4. Es war ein Halbzeitstand, der nach Lehrfilm klang: Effizienz trifft Naivität. "Ich dachte, der Pfiff kommt gleich", murmelte Hucknalls Keeper Silvestre Ferreira später ironisch, "aber der Schiri hat wohl auch nur die Schönheit des Millwall-Spiels bewundert." Nach dem Seitenwechsel wurde es nicht besser. Kaum hatten die Zuschauer ihre Pies aufgegessen, da netzte Fryer (46.) zum 1:5 ein - wieder nach Vorlage von Elliot Lockwood, der auf der linken Seite ein Dauerläufer war. Millwall spielte weiter mit offenem Visier, blieb in seiner offensiven Grundordnung, während Hucknall zwar mehr Ballbesitz (54 %) hatte, aber kaum Torgefahr ausstrahlte. Zwar kam in der 69. Minute noch einmal kurz Hoffnung auf, als Robert Washington eine butterweiche Flanke von Owen Nolan zum 2:5 ins Tor köpfte - eine Szene, bei der selbst Gästetorwart Ethan Caviness kurz applaudierte -, doch Millwall antwortete mit britischer Kaltblütigkeit: Fryer schnürte in der 74. Minute seinen Doppelpack, nach Flanke von Innenverteidiger John Bancroft (!). "Wir hatten einfach Spaß", grinste Millwall-Coach Sonny Crocket später. "Wenn sogar meine Verteidiger Vorlagen geben, ist das für mich wie Weihnachten und Geburtstag zusammen." In der Schlussphase passierte nicht mehr viel - außer ein paar verzweifelten Gelben Karten für Hucknall (Nolan, 49.; Bergeron, 51.), die eher nach Frust als nach Härte aussahen. Millwall brachte munter frische Kräfte: Clancy kam für Crichton (66.), John Bancroft ersetzte seinen älteren Bruder Robert (69.), und am Ende durfte Youngster Alexander Mayhew noch ein paar Minuten Profi-Luft schnuppern. "Wir haben zu viel gewollt, zu wenig bekommen und am Ende zu recht verloren", resümierte Kaiser später nüchtern. "Aber immerhin war das Publikum großartig - 27.000 Menschen, die uns trotz allem gefeiert haben. Vielleicht haben sie einfach Humor." Statistisch gesehen war es eine klare Sache: 20:6 Torschüsse, mehr Zweikämpfe gewonnen, die bessere Zweikampfquote (55 Prozent) - Millwall war an diesem Abend in fast allen Belangen überlegen. Und doch ging Hucknall nicht völlig unter. Die Mannschaft versuchte, mit offenem Visier zu spielen, suchte immer wieder den Weg nach vorne, blieb ihrer offensiven Taktik treu - auch wenn das Ergebnis schmerzt. Tyler Boyle wurde nach Abpfiff zum Mann des Abends gewählt. Zwei Tore, eine Vorlage, unermüdliche Laufarbeit - und das mit einem Lächeln, das selbst die Heimfans entwaffnete. "Ich liebe solche Spiele", sagte er, während er sich ein Autogrammheft schnappte. "Offenes Spiel, viele Tore, und keiner nimmt’s persönlich." Vielleicht war genau das die Quintessenz dieses 5. Spieltags der "1. Liga England": Hucknall Town mit Herz, Millwall mit Wucht - und am Ende ein Ergebnis, das in den Geschichtsbüchern bleibt. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen sagte, die Mütze tief ins Gesicht gezogen: "Wir haben heute keinen Punkt geholt, aber wenigstens ’ne gute Geschichte." Und wer weiß - vielleicht wird Maddes Kaiser sie eines Tages als Anekdote erzählen, wenn ihm wieder jemand von "offensiver Ausrichtung" vorschwärmt. 15.07.643990 12:00 |
Sprücheklopfer
Wir wissen alle, dass Mario nicht gesagt hat, was er gesagt hat, was er gesagt haben soll, dass er es gesagt hat.
Berti Vogts