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Wenn ein Fußballspiel eine Metapher für Geduld wäre, dann hieß sie am 11. Spieltag der Landesliga 5 "TuRa Meldorf gegen TuS Jöllenbeck". 1981 Zuschauer froren sich an diesem kühlen Januarabend im Meldorfer Stadion die Finger wund - und bekamen immerhin ein Tor zu sehen: eins, das die tapferen Gastgeber in bittere Nachtruhe schickte. 0:1 hieß es am Ende aus Sicht der Heimmannschaft, und das Ergebnis klingt enger, als das Spiel wirklich war. Denn während Jöllenbeck 23 Mal auf das Tor schoss, zählte der Stadionsprecher auf Meldorfer Seite ganze vier Torschüsse - und das eher aus Höflichkeit. "Wir hätten noch eine Stunde weiterspielen können, ohne zu treffen", seufzte TuRa-Stürmer Sven Scholz später und sah dabei aus, als wolle er den Ball gleich persönlich um Entschuldigung bitten. Dabei war die erste Halbzeit erstaunlich offen. Meldorf stand kompakt, kämpfte, grätschte - und betete. Jöllenbeck kombinierte gefällig, fand aber zunächst keinen Weg durch die blau-weiße Betonmauer. In der 9. Minute hatte Scholz sogar eine Szene, bei der für den Bruchteil einer Sekunde Hoffnung aufblitzte. Sein Schuss aus spitzem Winkel strich knapp am Pfosten vorbei. Vom Trainerbank kam ein aufmunterndes "So ist’s gut, Jungs!", das allerdings klang, als wolle man eher sich selbst überzeugen. Der TuS dagegen wirkte wie ein geduldiger Handwerker: Immer wieder klopften die Ostwestfalen an, prüften, feilten - und zogen schließlich in der 65. Minute den goldenen Nagel ein. Johannes Hagen, der 31-jährige Strippenzieher im Mittelfeld, fasste sich aus halbrechter Position ein Herz, nachdem der flinke Carlos Ibanez den Ball quergelegt hatte. Ein trockener Schuss, halbhoch ins lange Eck - und plötzlich war es still im Stadion. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hagen später, "nach 20 Versuchen darf auch mal einer reingehen." TuS-Coach Peer Chamier zeigte sich nach dem Spiel sichtlich erleichtert. "Wir hätten das Ding früher zumachen müssen. Aber solange du führst, ist alles gut - zumindest, wenn du nicht Meldorf bist", witzelte er, bevor er in der Kabine verschwand. Auf der anderen Seite stand Ratlosigkeit. Meldorfs Keeper Marcel Heinze, der trotz Dauerbeschuss mehrfach glänzend parierte, fasste es trocken zusammen: "Wenn du 23 Schüsse zulässt, kannst du dich über ein 0:1 fast freuen. Aber Spaß macht das trotzdem nicht." Und Youngster Olaf Naumann, gerade erst 17, holte sich in der 73. Minute noch die Gelbe Karte ab - ein Zeichen, dass wenigstens einer den Gegner stoppen wollte, koste es notfalls auch Sympathiepunkte. TuS Jöllenbeck spielte den Sieg anschließend routiniert nach Hause. Das Pressing blieb moderat, das Passspiel sicher, die Ordnung stabil. Meldorf mühte sich, kam aber selten über die Mittellinie hinaus. Ein letzter Versuch von Johannes Zimmer in der 69. Minute brachte kurz Hoffnung - doch Gästetorwart Johannes Löffler (nicht verwandt mit Meldorfs Mittelfeldmann André Löffler, obwohl man in der Statistik kurz verwirrt sein durfte) pflückte den Ball seelenruhig herunter. "Wir wollten offensiv spielen, aber irgendwie haben wir nur defensiv überlebt", murmelte ein Fan beim Bierstand. Sein Nachbar nickte: "Und das Bier war wenigstens warm - im Gegensatz zu unserem Angriffsspiel." Statistisch gesehen war Jöllenbeck in jeder Kategorie überlegen: 53,6 Prozent Ballbesitz, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, und ein Chancenverhältnis, das an Handball erinnerte. Doch so richtig gefährlich wurde es nur selten, weil Meldorf mit viel Einsatz verteidigte und Keeper Heinze einen Sahnetag erwischte. Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Heimfans trotzdem. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Lokalstolz - oder einfach, weil Fußball ja manchmal auch ohne Sieg schön sein kann. Trainer Chamier verabschiedete sich noch mit einem trockenen "Manchmal reicht ein Tor. Heute war so ein Manchmal." Und TuRa? Die müssen sich fragen, wie man mit so viel Herzblut und so wenig Torgefahr bestehen will. Aber vielleicht hilft ja der Glaube an den nächsten Samstag. Oder, wie Scholz schmunzelnd sagte: "Wir treffen schon wieder - notfalls beim Aufwärmen." Ein kleiner Trost bleibt: Wer 90 Minuten lang tapfer verteidigt, kann sich immerhin sicher sein, dass die Fitness stimmt. Und wenn man das nächste Mal wieder 23 Schüsse zulässt, ist ja vielleicht einer weniger drin. Fortschritt ist schließlich auch eine Art Sieg. 14.05.643987 20:47 |
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Jeder kann sagen, was ich will.
Otto Rehhagel