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35618 Zuschauer im Camp del Sol erlebten an diesem Sonntagabend ein Spiel, das man getrost als Lehrstück in Sachen Geduld bezeichnen kann - Geduld der Fans, Geduld der Spieler, und vor allem Geduld von Trainer Thomas Göstl, der seine jungen Wilden vom SC Barcelona bis zur 69. Minute straucheln, stolpern und schließlich jubeln sah. Racing Santander begann, als hätte es einen Espresso zu viel gegeben. Schon in der 2. Minute zappelte der Ball im Netz - Alberto Ramallo, 21 Jahre jung und mit der Spritzigkeit eines Straßenkickes aus Santander, traf nach feinem Zuspiel von Jaime Baro aus spitzem Winkel. Barcelonas Keeper Nelio Ronaldo (ein Name, der mehr nach Zirkus als nach Torwart klingt) konnte nur noch hinterherschauen. "Ich dachte, der schießt nie", murrte Verteidiger Jose Pelayo später, "und dann trifft er aus dem Nichts. Willkommen im Sonntagabend." Das frühe Tor war der Weckruf, den Barcelona eigentlich selbst gebraucht hätte - doch statt aufzuwachen, schlief man weiter im Takt des gegnerischen Kurzpassspiels. Racing kombinierte, tanzte, schoss - ganze 18 Mal aufs Tor, während Barcelona mit sechs zaghaften Versuchen eher den Eindruck einer Kunstschule als einer Fußballmannschaft hinterließ. 57 Prozent Ballbesitz für die Gäste sagten alles. Trainer Florian Kappels von Santander stand an der Seitenlinie, die Hände tief in den Manteltaschen, und grinste verschmitzt. "Wir wollten früh treffen, um dann das Spiel zu kontrollieren. Hat ja fast geklappt", sagte er später, wobei das "fast" wie ein schmerzlicher Nachgeschmack in der Luft hängen blieb. Denn dann kam Nestor Camara. 18 Jahre jung, blutjung, aber mit einem Schuss wie aus Titan. In der 69. Minute nahm er einen Pass von Daniel Vogel zentral vor dem Strafraum an, drehte sich elegant und schlenzte den Ball unhaltbar ins rechte Eck. Die 35.000 im Stadion sprangen auf, als wäre das 1:1 der Gewinn der Meisterschaft. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Camara, danach umringt von Reportern, während sein Trainer Göstl hinter ihm nur murmelte: "Endlich hat einer draufgehalten." Bis dahin war es ein zähes Ringen. Barcelona versuchte es mit jugendlichem Elan - Antonio Perez (17) wirbelte nach seiner Einwechslung munter, Iban Alcazar (ebenfalls 18) prüfte den gegnerischen Keeper mehrfach, aber zumeist war Racing einfach einen Tick cleverer. "Wir hatten das Spiel in der Tasche", meinte Santanders Stürmer Emilio Urrutia später mit einem Lächeln, "nur hat jemand das Loch in der Tasche vergessen zu stopfen." Die Schlussphase brachte noch einmal alles - Hektik, Herzblut, und einen Schreckmoment. In der 96. Minute verletzte sich Daniel Vogel, der Assistgeber des Ausgleichs, nach einem harten Zweikampf. Er humpelte vom Feld, während das Publikum ihn mit Applaus verabschiedete. "Das war kein Applaus, das war Mitleid", witzelte Göstl trocken. Statistisch gesehen hätte Santander das Spiel gewinnen müssen: mehr Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen (54,5 Prozent), und nahezu dreimal so viele Torschüsse. Aber Fußball ist kein Buchhalterspiel - und manchmal reicht ein Moment jugendlicher Unbekümmertheit, um den Abend zu retten. Nach dem Abpfiff klatschten beide Trainer einander ab - ehrlich, fast freundschaftlich. "Ein gerechtes Ergebnis", sagte Kappels. "Ein zu gerechtes Ergebnis", konterte Göstl. Die Fans gingen zufrieden nach Hause, einige leicht frustriert, andere mit einem Lächeln. "Immerhin nicht verloren", meinte ein älterer Herr mit Schal und Bierbecher. "Und der Junge da, wie hieß er? Camara? Der hat was." Man könnte sagen: Barcelona hat an diesem 4. Spieltag der 1. Liga Spanien kein Spiel gewonnen, aber vielleicht ein kleines Stück Zukunft. Und Racing Santander? Wird sich ärgern, dass es den Sieg verschenkt hat - aber mit dieser Spielfreude wird man noch öfter Spaß haben. Zum Schluss blieb nur noch Trainer Göstl mit seinem typisch trockenen Fazit: "Ein Punkt ist ein Punkt. Aber die Jungs haben verstanden, dass Fußball kein Videospiel ist - man kann nicht einfach Neustart drücken." Ein Satz, der wohl auch den 35.618 auf den Rängen aus der Seele sprach. 22.02.643987 19:35 |
Sprücheklopfer
Der Herr Kemmling müsste heute normalerweise richtig auf die Fresse kriegen.
Mario Basler