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Es war ein kühler Januarabend in Atlanta, aber die 45.265 Zuschauer im Gorilla Park dürften schon nach einer halben Stunde das Gefühl gehabt haben, sie säßen in einem Kühlschrank - so eiskalt agierte Kansas City FC. Mit 3:0 (1:0) nahm die Elf von Trainer Abdi Singer die Atlanta Gorillas auseinander, als spielten sie auf dem Trainingsplatz. Oskar Mayr, der 30-jährige Flügelstürmer mit der Präzision eines Chirurgen, war der Mann des Abends. Zwei Tore (26., 52. Minute) und eine beinahe schon übermütige Körpersprache machten ihn zur Symbolfigur eines Spiels, das vom ersten Moment an in eine Richtung ging. "Ich hatte einfach Spaß heute", grinste Mayr nach dem Schlusspfiff. "Und wenn man Spaß hat, trifft man halt öfter." Trainer Singer konnte sich das Lächeln nicht verkneifen: "Ich hab Oskar gesagt, er soll mal nicht wieder überdrehen - und dann trifft er doppelt. Vielleicht sollte ich öfter schimpfen." Die Gorillas hingegen wirkten, als hätten sie das Spiel mit einem Motivationsposter betreten, auf dem "Mut ist alles" stand - und dann festgestellt, dass Mut allein keine Tore schießt. Ganze zwei Schüsse brachte das Team von Trainerin Anja Meister auf das gegnerische Tor, während Kansas City satte 21 notieren ließ. Das Ballbesitzverhältnis von 44 zu 56 Prozent wirkt da fast schmeichelhaft, denn die Gäste ließen Ball und Gegner gleichermaßen laufen. Bereits in der zweiten Minute prüfte der junge Reece Dunn den Atlantas Keeper Jozef Moravcik mit einem strammen Schuss, und ab da rollte die Angriffswelle unermüdlich. Mika Pyykkö flankte, Ari Nyman schoss, und irgendwann - in Minute 26 - war es soweit: Marcio Manuel, der 34-jährige Rechtsverteidiger, flankte mit der Eleganz eines Opernsängers auf Mayr, der den Ball per Direktabnahme ins lange Eck drosch. 1:0, und eigentlich war die Partie da schon entschieden. Zur Halbzeit reagierte Meister, die mit verschränkten Armen und zusammengebissenen Zähnen in der Coachingzone stand. Drei Wechsel, drei junge Wilde: "Ich wollte frischen Wind reinbringen", erklärte sie später. "Leider war’s eher ein laues Lüftchen." Tatsächlich dauerte es keine sieben Minuten nach Wiederanpfiff, bis Mayr erneut zuschlug - diesmal nach feiner Vorarbeit von Vratislav Harsanyi. Die Gorillas mühten sich redlich, besonders der 17-jährige Garritt Knickerbacker sorgte mit zwei beherzten Abschlüssen (30., 67.) für kleine Lebenszeichen. Doch Kansas City lachte nur müde. "Wir wussten, dass Atlanta über die Flügel kommen will", sagte Kapitän Günther Funk, der in der 77. Minute selbst zum 3:0 traf - natürlich nach Vorlage des unermüdlichen Harsanyi. "Da haben wir einfach dichtgemacht und vorne das Nötige getan." Die letzten Minuten wirkten wie eine Trainingseinheit im Ballhalten. Kansas City schob sich die Kugel zu, Atlanta lief hinterher, das Publikum seufzte. Nur einmal wurde es noch laut: als Linksverteidiger Max Hardin in der Nachspielzeit verletzt zu Boden ging. Trainerin Meister schüttelte nur den Kopf. "Das passt ins Bild. Wenn’s läuft, dann halt rückwärts." In der Mixed Zone versuchte sie, das Positive zu betonen: "Unsere Jungs sind jung, sie lernen. Gegen so eine erfahrene Mannschaft ist das eine wertvolle Lektion." Mancher Journalist murmelte leise: "Eine harte Lektion." Die Zahlen sprechen ohnehin eine klare Sprache: 21:2 Torschüsse, 59 Prozent Zweikampfquote für Kansas City, 0 Tore für Atlanta. Kurz gesagt: Die Gorillas wurden domestiziert. Für Kansas City war es der dritte Sieg in Folge - und das mit einer Leichtigkeit, die fast unheimlich wirkt. "Wir spielen gerade wie im Rausch", so Trainer Singer. "Aber ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr euch so weiterbewegt, müsst ihr bald Eintritt zahlen für euer eigenes Spiel." Die Gorillas dagegen müssen sich neu sortieren. Anja Meister will in der kommenden Woche "an der Zielstrebigkeit" arbeiten, was in Trainerinnensprache vermutlich heißt: mehr Tore schießen, weniger zuschauen. Am Ende dieses Abends blieb das Gefühl, dass hier zwei Teams in unterschiedlichen Welten unterwegs sind. Kansas City FC in der Umlaufbahn des Erfolgs, Atlanta Gorillas irgendwo zwischen Aufbauphase und Verzweiflung. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne trocken meinte, als er nach Hause stapfte: "Wir heißen Gorillas - aber heute waren wir Bananenlieferanten." Ein Satz, der das Spiel vielleicht besser zusammenfasst als jede Statistik. 29.03.643987 11:55 |
Sprücheklopfer
Wenn der Ball am Torwart vorbeigeht, ist es meist ein Tor.
Mario Basler