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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball seine ganze theatralische Bandbreite auspackt - Tragödie, Komödie und ein bisschen Slapstick. 27.000 Zuschauer im Stadion von Kaposvár sahen am 13. Spieltag der ungarischen Liga ein 2:2, das sich eher wie zwei Spiele in einem anfühlte: erst Lehrstunde, dann Lehrfilm in Sachen Moral. Die erste Viertelstunde gehörte eindeutig dem FC Tatabánya. Während Kaposvár noch die Kabinentür suchte, trafen die Gäste schon zweimal ins Netz. In der 8. Minute donnerte Roland Szusza - flankiert von Lucas Hawn - den Ball so wuchtig unter die Latte, dass selbst der Torwart Christopher Bloomfield kurz applaudieren wollte. "Ich hatte eigentlich gehofft, er zieht den Ball vorbei", murmelte Bloomfield später mit einem gequälten Lächeln, "aber der Junge hat halt gutes Augenmaß." Nur acht Minuten später wiederholte sich das Schauspiel: Karoly Torghelle, der ewig unterschätzte Rechtsaußen, schlich sich in den Strafraum und schob nach Vorlage von Alfred Varhidi eiskalt zum 0:2 ein. Tatabánya spielte souverän, fast lässig, und hatte bis zur Pause gleich elf Torschüsse zu verzeichnen - Kaposvár dagegen nur vier. Auch im Ballbesitz lag Tatabánya leicht vorn (51 zu 49 Prozent). "Ich dachte schon, das wird ein langer Abend", sagte Kaposvárs Trainer hinterher, "aber zum Glück haben wir zwei Halbzeiten." Und tatsächlich: Nach dem Seitenwechsel kam ein anderes Team aus der Kabine. Plötzlich liefen sie, kämpften, grätschten - und siehe da, sie trafen. In der 47. Minute war es Laszlo Sebes, der die Wende einleitete. Nach feiner Vorarbeit von Louis Koch schob er den Ball überlegt ins rechte Eck. Der Jubel klang, als hätte Kaposvár gerade die Meisterschaft gewonnen. Und nur vier Minuten später - kaum hatten die Fans wieder Luft geholt - legte Sebes noch einen drauf. Diesmal kam die Flanke von Jörn Kristensen, und Sebes vollendete mit einem wuchtigen Kopfball zum 2:2. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", sagte der Doppeltorschütze später lachend. "Zum Glück hab ich den Kopf an der richtigen Stelle." Tatabánya, sichtlich überrascht, brauchte gute zehn Minuten, um sich von diesem Doppelschlag zu erholen. Danach übernahmen sie wieder die Kontrolle, ohne allerdings die Effizienz der ersten Hälfte zu erreichen. Gyula Orosz, der 18-jährige Mittelfeldmotor, prüfte Bloomfield gleich dreimal (42., 52. und 90.), doch der Kaposvár-Keeper war nun hellwach. Einziger Wermutstropfen für die Gastgeber: In der 79. Minute musste Andre Viola verletzt runter, für ihn kam der junge Krisztian Eisenhoffer. "Nur eine Zerrung", versicherte der Teamarzt später, "mehr Schreck als Schmerz." Kaposvár zeigte nun, dass man auch ohne Pressing und mit ausgeglichenem Einsatz Moral beweisen kann - laut Taktikdaten war das Team in allen Phasen "balanciert", was man als höfliche Umschreibung für "nicht zu viel Risiko" verstehen darf. Tatabánya hingegen ließ sich ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Trainer, der an der Seitenlinie stoisch die Hände in den Taschen vergrub, brummte nach Abpfiff: "Ein Punkt ist ein Punkt. Aber wenn man 2:0 führt, fühlt es sich an wie eine Niederlage." Die Zuschauer hatten da eine andere Meinung. Sie feierten ihr Team mit stehenden Ovationen - nicht für Perfektion, sondern für Leidenschaft. Und vielleicht auch, weil sie das Gefühl hatten, Zeugen einer kleinen Auferstehung geworden zu sein. "In der Pause hat’s ordentlich gekracht", gab Louis Koch später zu. "Der Trainer meinte, wir sollen endlich Fußball spielen. Da dachten wir uns: Na gut, probieren wir’s mal." Am Ende stand also ein 2:2, das auf dem Papier ausgeglichen, auf dem Rasen aber alles andere als langweilig war. Kaposvár hatte sich nach einem Alptraumstart rehabilitiert, Tatabánya hatte gezeigt, warum sie zu den spielstärkeren Teams der Liga zählen - und beide dürften mit gemischten Gefühlen ins nächste Wochenende gehen. Vielleicht war es kein Spiel für die Taktikliebhaber, aber ganz sicher eines für Romantiker des Sports. Denn wer nach 45 Minuten bei 0:2 nicht aufgibt und dann zurückkommt, hat den Applaus verdient - auch wenn’s "nur" ein Punkt ist. Oder, wie Kaposvárs Keeper Bloomfield es formulierte, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte: "Manchmal ist ein Unentschieden das schönste Ergebnis der Welt - vor allem, wenn’s sich anfühlt wie ein Sieg." 16.06.643987 17:52 |
Sprücheklopfer
Die Flanken von außen sind auch Roberto Carlos und Cafu denen ihre Spezialität.
Andreas Brehme