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Das Flutlicht über dem Stadion von Kozármisleny war kaum richtig warmgelaufen, da hatten die 33.837 Zuschauer schon mehr erlebt, als manch einer an einem ganzen Fußballwochenende. Ein 1:1, das auf dem Papier unspektakulär aussieht, entpuppte sich auf dem Rasen als wildes Wechselbad aus Taktik, Schmerz und jugendlichem Übermut. Trainer Mike Reimann hatte seine Kozármislenyer wie gewohnt defensiv eingestellt - Konterfußball aus dem Lehrbuch, oder zumindest aus einer etwas verstaubten Ausgabe. "Wir wollten kompakt stehen und vorne auf Jack setzen", erklärte er später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung pendelte. "Jack" ist natürlich Jack Kinsella, der 20-jährige Mittelstürmer, der an diesem Abend wieder einmal bewies, dass jugendlicher Leichtsinn im Strafraum manchmal die beste Waffe ist. Doch bevor Kinsella seinen Moment hatte, schlug Fehérvár zu. In der 28. Minute fand der quirlige Emil Rangelow eine Lücke, die eigentlich gar nicht existieren sollte, und legte mustergültig für Florentin Sandu auf. Der 21-Jährige traf mit der Selbstverständlichkeit eines Routiniers - 0:1. "Ich hab den Ball einfach laufen lassen", grinste Sandu später. "Und dann lief er halt ins Tor." Pragmatismus in Reinform. Das Spiel kippte dadurch aber keineswegs. Kozármisleny reagierte nicht mit Hektik, sondern mit einer fast stoischen Ruhe - und einem verletzten Innenverteidiger. In der 18. Minute war Jamie Whitman nach einem unglücklichen Zweikampf liegen geblieben, musste raus, und Slaven Boban kam rein. "Ich hatte mir gerade den Kaffee geholt, da hieß es: ’Du bist drin!’", erzählte Boban lachend. "Ich wusste nicht mal, ob ich schon warm war." Vielleicht war es genau diese Improvisation, die die Gastgeber beflügelte. In der 36. Minute setzte Pedro Martins auf der rechten Seite zu einem Sprint an, der eher nach Flucht aussah, als nach geplantem Angriff. Seine Flanke fand Kinsella, der den Ball kompromisslos ins Netz drosch. 1:1 - und das Stadion bebte. "Pedro hat den Ball so reingeschlagen, ich musste nur noch den Kopf hinhalten", prahlte Kinsella. Dass er den Ball mit dem Fuß traf, war da wohl Nebensache. Danach wurde es zäher, körperbetonter, manchmal fast philosophisch. Beide Teams suchten nach dem zweiten Treffer, fanden aber nur sich selbst im Mittelfeldgedränge wieder. Fehérvár hatte am Ende mehr Schüsse (7:5) und weniger Ballbesitz (46,8 Prozent), doch Kozármisleny verteidigte, wie es sich für ein Team mit "defensiver Ausrichtung" gehört - mit allem, was Beine hat. Fehérvár-Coach Mina Aryabhata war nach dem Spiel sichtbar unzufrieden, aber nicht ratlos. "Wir haben das Spiel dominiert, aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb", sagte sie in erstaunlich ruhigem Ton. "Vielleicht hätten wir weniger offensiv und mehr effizient spielen sollen." Ihr Team spielte über weite Strecken offensiv und mit Pressing, doch Kozármisleny stemmte sich mit zunehmender Leidenschaft dagegen. Apropos Leidenschaft: In der 85. Minute hatte Kinsella noch einmal die große Chance auf den Sieg - doch Fehérvárs Keeper Luke Kelly roch den Braten und fischte den Ball aus dem Winkel. Kurz darauf donnerte José Deco noch einen Versuch aus der zweiten Reihe vorbei, während auf der Gegenseite Sandu in der 89. Minute das Netz nur streifte. Es war, als wollten beide Teams zeigen: Wir könnten, wenn wir wollten - aber heute eben nicht. Statistisch betrachtet war es ein Duell auf Augenhöhe mit leichtem Plus für die Gäste, doch das Unentschieden fühlte sich für Kozármisleny fast wie ein Sieg an. "Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass wir heute so stabil stehen", gestand Trainer Reimann. "Vielleicht sollte ich öfter defensiv aufstellen." Und Fehérvár? Die fuhren mit hängenden Köpfen, aber erhobenem Anspruch nach Hause. "Ein Punkt ist besser als keiner", meinte Kapitän Konowalenko, "auch wenn wir uns das anders vorgestellt haben." Am Ende blieb ein Spiel, das alles bot, was man an ungarischem Liga-Fußball so liebt: Kampf, Emotionen, etwas Chaos - und zwei Teams, die sich gegenseitig ordentlich die Knochen polierten, ohne unfair zu werden. Oder, um es mit den Worten eines Fans zu sagen, der nach Abpfiff noch immer lautstark diskutierte: "Das war kein schönes Spiel - aber ein ehrliches." Und das, so scheint es, ist in Kozármisleny immer noch das größte Kompliment. 12.12.643999 21:17 |
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Erich Ribbeck ist vom Fußball so weit weg wie die Erde vom Mars.
Werner Lorant