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Es war ein lauer Januarabend in Caracas, die Sonne verschwand langsam hinter den Bergen, und 47.700 Zuschauer im Estadio Nacional erwarteten ein heißes Rückspiel in der Amerikaliga-Qualifikation. Was sie bekamen, war allerdings weniger ein Fußballspiel als vielmehr eine Lehrstunde in bolivianischer Präzision und venezolanischem Chaos. AD La Paz besiegte Real Caracas mit 6:0 - und das war noch schmeichelhaft. Trainer Heiko Früh, der sonst als ruhiger Taktiker bekannt ist, grinste nach dem Spiel nur und meinte: "Wir wollten Spaß haben - und ich glaube, das hat man gesehen." Spaß hatten tatsächlich vor allem seine Offensivkräfte Stefan Krstajic, Domingo Miguel und der 22-jährige Dragan Rakic. Sie zerlegten die Hintermannschaft von Real Caracas in Einzelteile, als wäre sie aus Pappe. Das Debakel begann in der 31. Minute, als Krstajic nach präziser Vorarbeit von Gaetano Marino den Ball eiskalt ins Netz schob. Da war das Publikum noch guter Dinge - immerhin stand es nur 0:1 zur Pause. Trainer King Lui von Real Caracas war zu diesem Zeitpunkt noch bemüht, Optimismus zu verbreiten. "Wir wollten mutig bleiben", sagte er später, "aber offenbar hatte La Paz eine andere Definition von Mut." Nach dem Seitenwechsel schlug das Unheil in Serie zu. Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, erhöhte Domingo Miguel (49.) nach einem cleveren Pass von Innenverteidiger Carlos Mendes auf 0:2. Real Caracas wirkte kurz orientierungslos, fast so, als hätte jemand die Spielanleitung verlegt. Dann kam Rakic - und er kam gleich dreimal. In der 70., 71. und 85. Minute netzte der junge Serbe mit einer Selbstverständlichkeit ein, die an Trainingsspiel erinnerte. Dazwischen durfte noch einmal Krstajic ran (73.), diesmal auf Vorlage von Rakic selbst. Sechs Tore, sechs unterschiedliche Kombinationen - La Paz spielte, als hätten sie die Taktiktafel in Gold gegossen. Die Statistik sprach Bände: 26 Torschüsse für La Paz, null für Real Caracas. Ballbesitz? Fast ausgeglichen mit 50,5 zu 49,5 Prozent - was wohl nur zeigt, dass Caracas den Ball meist in der eigenen Hälfte hin und her schob, bevor jemand von La Paz ihn wieder abnahm. Tacklingquote? 61 zu 39 Prozent - und das fühlte sich in der Realität noch deutlicher an. Auf der Tribüne rieben sich die Fans die Augen. Ein älterer Herr im Trikot von Caracas rief nach dem vierten Tor: "Wechselt doch wenigstens den Torwart!" - nur dass der Torwart in diesem Fall gar nicht das Problem war. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", seufzte Verteidiger Damian Valente nach Schlusspfiff. "Es war wie ein Sturm, und wir hatten keinen Regenschirm." Besonders auffällig agierte La Paz über die Flügel. Marino und Hoffman zogen die Fäden, Beresuzki und Vaz rückten mit auf, als sei das Spielfeld ihre persönliche Bühne. "Wir haben heute einfach alles getroffen", sagte Rakic mit einem Schulterzucken. "Vielleicht sollten wir öfter in der Höhe trainieren - auch wenn wir hier unten spielen." Trainer Früh lobte seine Mannschaft, blieb aber nüchtern: "Das war kein Zufall. Wir haben die Räume genutzt, die uns Caracas geschenkt hat." Und davon gab es reichlich. Real Caracas versuchte es offensiv, spielte tatsächlich mit einer offensiven Grundordnung - allerdings ohne Ziel, Tempo oder Durchschlagskraft. Kein einziger Schuss aufs Tor: ein Rekord, den man in Caracas sicher nicht feiern wird. King Lui stand nach dem Spiel mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, während seine Spieler in die Kabine schlichen. "Wir müssen uns das in Ruhe anschauen", sagte er - eine Phrase, die in Fußballerkreisen meist bedeutet: ’Wir haben keine Ahnung, was passiert ist.’ Als die Fans schließlich das Stadion verließen, war es still. Nur die Spieler von La Paz tanzten ausgelassen im Mittelkreis, Rakic mit einem venezolanischen Fan-Schal um die Hüften. "Wir wollten Geschichte schreiben", rief Krstajic ins Mikrofon eines Fernsehteams, "aber dass es gleich ein ganzes Buch wird, hätten wir nicht gedacht." Und so endete ein Abend, den man in Caracas wohl so schnell nicht vergessen wird - oder vielleicht lieber doch. AD La Paz zieht mit einem Gesamtergebnis von 6:0 souverän in die nächste Runde der Amerikaliga-Qualifikation ein. Real Caracas dagegen steht vor einem Wiederaufbau, der eher nach Seelenpflege als nach Taktiktraining klingt. Vielleicht fasste es ein Zuschauer am besten zusammen, als er beim Verlassen des Stadions murmelte: "Manchmal ist Fußball schön - nur eben nicht für alle gleichzeitig." 06.03.643987 09:02 |
Sprücheklopfer
Deutschland wird auf Jahre hin unbesiegbar sein.
Franz Beckenbauer nach dem WM-Titel 1990