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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob auf der Vulkaninsel Lanzarote nicht doch ein wenig magische Lava im Ball steckt. Vor 37.142 Zuschauern im Estadio de los Vientos besiegte Lanzarote CF den großen SC Barcelona mit 5:4 (2:2) - ein Spiel, das eher an ein Jazzkonzert erinnerte als an taktisch disziplinierten Fußball. Neun Tore, zwei Gelbe Karten, eine Gelb-Rote, ein verletzter Verteidiger und ein Trainer, der nach dem Schlusspfiff meinte: "Ich habe keine Ahnung, was ich da gerade erlebt habe", grinste Meister Leverkusen, der Coach der Gastgeber. Schon nach zehn Minuten bebte das Stadion, als Alfred Detari, der Mann mit dem linken Fuß wie eine Schleuder, nach Vorarbeit von Elmo Van Keuren den Ball in den Winkel zimmerte. Es war der Auftakt zu einem wahren Feuerwerk. Nur 17 Minuten später legte Ignacio Mendivil nach - diesmal nach Pass des 18-jährigen Sergio Semprun, der nach dem Spiel sagte: "Ich wollte eigentlich flanken, aber Alfred hat so laut geschrien, dass ich dachte, ich probier’s mal durchs Zentrum." Doch Lanzarote wäre nicht Lanzarote, wenn sie nach einer Führung nicht kurzzeitig die Orientierung verlieren würden. Noch vor der Pause schlug Barcelona zurück: Erst traf Marc Etxeita (40.) nach glänzendem Zuspiel von Alejandro Grimaldo, dann war Henri Celine in der 45. Minute zur Stelle - wieder nach Vorlage des überragenden Grimaldo. "Wir waren kurz davor, das Meer zu sehen", murmelte Torhüter Vincent Maurice später ironisch, "aber dann kam der Sturm." Nach der Pause übernahmen die Gäste zunächst das Kommando. Grimaldo krönte seine Leistung in der 51. Minute mit einem eigenen Treffer - 3:2 für Barcelona, und plötzlich sah alles nach einem Lehrstück katalanischer Effizienz aus. Lanzarote-Trainer Leverkusen trat nervös gegen eine Wasserflasche, die prompt seinen Co-Trainer traf. "Taktisch war das Absicht", erklärte er nach dem Spiel augenzwinkernd. Doch Lanzarote antwortete wie ein Boxer, der schon im Seil hängt und plötzlich zurückschlägt. Fünf Minuten nach dem Rückstand glich Pierre Bisson nach Vorarbeit von Semprun aus (56.). Dann kam wieder Detari-Zeit: In der 65. Minute schlenzte er den Ball nach Pass von Mendivil ins lange Eck - 4:3. Nur vier Minuten später wiederholte er das Kunststück, diesmal nach Vorlage von Rafael Estevo. "Zweimal derselbe Winkel, zweimal dasselbe Grinsen", kommentierte ein Zuschauer. Barcelona drückte in der Schlussphase, aber Lanzarote verteidigte mit Leidenschaft - und gelegentlichem Wahnsinn. Innenverteidiger Elmo Van Keuren sah in der 88. Minute Gelb-Rot, nachdem er sich lautstark mit dem Schiedsrichter über die Existenz von Abseitslinien gestritten hatte. "Ich wollte nur wissen, ob er sie überhaupt sieht", erklärte Elmo später mit einem Schulterzucken. In Unterzahl kam Barcelona noch einmal heran: Joaquin Ramiro traf in der 92. Minute nach Vorlage von Alfonso Rodrigo zum 5:4. Doch der Schlusspfiff rettete Lanzarote, während Barcelonas Verteidiger Helgi Geirsson gleichzeitig verletzt vom Platz musste - eine Szene, die den ohnehin chaotischen Schlussakkord perfekt machte. Statistisch gesehen war Lanzarote das etwas aktivere Team: 14 Schüsse aufs Tor gegenüber 10 der Gäste, dazu 56 Prozent Ballbesitz und eine Tacklingquote von 51 Prozent. Aber Zahlen erklären dieses Spiel nicht. Es war ein emotionaler Vulkan, ein Drama in neun Akten, das sich selbst Quentin Tarantino nicht spannender hätte ausdenken können. "Wir wollten offensiv spielen, aber das war dann wohl zu offensiv", gab Barcelonas Trainer Thomas Göstl zu und verzog das Gesicht. "Wenn man fünf Tore kassiert, kann man schwer behaupten, man hätte alles im Griff gehabt." Detari, der mit seinem Hattrick zum Helden des Abends wurde, blieb bescheiden - zumindest fast: "Ich bin nur ein einfacher Mittelfeldspieler", sagte er mit einem Zwinkern. "Ein einfacher Mittelfeldspieler, der gerne trifft." Als sich die letzten Fans auf den Weg zur Strandpromenade machten, blieb die Erkenntnis: Lanzarote kann nicht nur Sonne und Surfen, sondern auch Spektakel. Ein 5:4 gegen Barcelona - das ist kein normales Fußballspiel, das ist eine Einladung an alle, die den Sport lieben, weil er unberechenbar ist. Oder, wie Trainer Leverkusen es zusammenfasste, während er seine Kappe schief setzte: "Wir haben neun Tore gesehen, einen Platzverweis, eine Verletzung und keine Ahnung, wie wir gewonnen haben. Perfekter Fußballabend, oder?" 11.06.643997 08:13 |
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