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Ein lauer Januarabend in Kahl, Flutlicht, 2091 Zuschauer - und jene Sorte Fußballspiel, die man am liebsten mit einem heißen Tee in der Hand und einem Augenzwinkern beschreibt. Viktoria Kahl und der SC Memmelsdorf trennten sich am 4. Spieltag der Landesliga 21 mit 1:1, aber das war nur die halbe Wahrheit. Wer kurz vor Schluss schon auf dem Weg zum Parkplatz war, hat den emotionalen Höhepunkt des Abends verpasst. Von Beginn an war klar: Trainer Rainer Zufall hatte seine Viktoria offensiv eingestellt, während die Gäste aus Memmelsdorf unter der Leitung eines recht unbeirrbaren Coaches auf Balance setzten - taktisch wie emotional. Kahl kombinierte mit kurzen Pässen, als wolle man den Ball hypnotisieren, während Memmelsdorf auf kontrollierte Ruhe und präzise Abschlüsse setzte. Das Resultat: 12 Torschüsse für die Hausherren, 6 für die Gäste - aber lange kein Tor. Schon in der 6. Minute donnerte Knud Lustig den Ball Richtung Tribüne C, was die Fans in der hintersten Reihe spontan zu einer Flugabwehraktion zwang. "Ich wollte den Ball eigentlich flach halten", grinste Lustig später mit einem Anflug von Selbstironie. Wenig später musste er allerdings verletzt raus - eine unglückliche Szene kurz vor der Pause, die das Publikum mit einem kollektiven "Oh nein" kommentierte. Janis Schulze kam für ihn rein und brachte immerhin frischen Wind auf der linken Seite. Memmelsdorf hielt dagegen. Besonders Ralf Wirth im rechten Mittelfeld ackerte unermüdlich - und wurde schließlich in der 61. Minute belohnt. Nach Pass von Lars Friedrich zog Wirth einfach mal ab, halb Volley, halb Hoffnung - und traf. 0:1. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Wirth danach. "Vielleicht war das auch ganz gut so." Viktoria Kahl reagierte, wie man es von einer Mannschaft mit offensiver DNA erwartet: Sie rannte an. Robert Westphal im Zentrum dirigierte, mahnte, gestikulierte - und sah Gelb, als er es beim Schiedsrichter mit der Gestik etwas übertrieb. "Das war Leidenschaft, keine Meckerei", erklärte er später und lachte, als er die Karte als "Souvenir" in seinen Schuhbeutel steckte. Die Minuten verrannen, und Trainer Zufall wurde unruhig. "Ich hab kurz überlegt, ob ich selber reingehe", scherzte er nach dem Spiel. Tatsächlich sah es so aus, als würde Memmelsdorf den Vorsprung über die Zeit bringen. Viktoria hatte Chancen: Marcel Bender testete den Gästekeeper Marko Behrens in der 75. Minute mit einem satten Linksschuss, Heinz Haase verzog kurz darauf haarscharf - und die Zuschauer begannen, sich mit der bitteren Aussicht auf eine Heimniederlage abzufinden. Doch dann kam die 92. Minute, jene magische Nachspielzeit, in der Fußballromantiker noch an Gerechtigkeit glauben dürfen. Robert Westphal legte den Ball an der Strafraumkante quer - Maik Weiss nahm Maß, zog ab, und das Netz zappelte. 1:1! Die Tribüne explodierte, der Stadionsprecher überschlug sich, und der Schiedsrichter hatte Mühe, inmitten der Jubeltraube wieder Ordnung herzustellen. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Weiss, der mit seinen 19 Jahren zum Helden des Abends wurde. "Ich glaub, der Ball wollte einfach rein." Coach Zufall kommentierte später trocken: "Ich sag den Jungs immer: Spielt, bis der Schiri pfeift. Heute haben sie’s wörtlich genommen." Sein Gegenüber nickte anerkennend: "Das war verdient. Wir waren zu passiv am Ende." Statistisch gesehen war das Remis sogar gerecht: 51 Prozent Ballbesitz für Memmelsdorf, 49 für Kahl - aber deutlich mehr Torgefahr bei den Gastgebern. Die Zweikampfquote sprach mit 54 Prozent ebenfalls für die Viktoria. Und wenn man ehrlich ist, wirkte die Mannschaft über weite Strecken frischer, mutiger, lauter. Vielleicht wollte sie einfach mehr. Als die Flutlichter langsam erloschen und die Zuschauer sich auf den Heimweg machten, blieb das Gefühl, Zeuge eines kleinen Fußballdramas geworden zu sein. Kein großes Spiel - aber eines mit Herz, Schweiß und einer Prise absurdem Timing. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Manchmal braucht man 92 Minuten, um aufzuwachen - Hauptsache, man tut’s rechtzeitig." Und so endete der Abend in Kahl mit einem gerechten 1:1 - und der Gewissheit, dass Rainer Zufalls Team vielleicht nicht immer planvoll, aber immer mit Leidenschaft spielt. 17.03.643987 06:20 |
Sprücheklopfer
Deutschland wird auf Jahre hin unbesiegbar sein.
Franz Beckenbauer nach dem WM-Titel 1990