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Wenn 10.107 Zuschauer an einem kühlen Januarabend ins kleine Stadio di Sarzana pilgern, dann hoffen sie auf Leidenschaft, Emotion - und vielleicht ein kleines Fußballwunder. Bekommen haben sie alles, nur mit leichtem Verzögerungseffekt. Sarzanese und Rodengo Saiano trennten sich am 11. Spieltag der 3. Liga Italien (1. Div) mit 1:1 - ein Ergebnis, das sich erst in der allerletzten Minute entschied und beide Trainer zwischen Wut, Erleichterung und Verzweiflung schwanken ließ. Die erste Halbzeit? Nun ja, ein Geduldsspiel für Taktikliebhaber und Kaffeetrinker. Sarzanese, von Trainer Marco Capasso (so munkelt man an der Seitenlinie, er habe ein Faible für geordnete Dreiecke im Mittelfeld), setzte auf ein ausgewogenes 4‑4‑2 mit viel Ballbesitz - am Ende waren es 51 %. Rodengo Saiano unter Coach Jan Beyer dagegen spielte, als hätte man ihm die Fernbedienung für "Offensive" entzogen: defensiv ausgerichtet, lange Bälle, kaum Pressing. Doch die Gäste kamen besser in die Zweikämpfe, gewannen leicht mehr Duelle (Tacklingquote 50,6 %) und hatten insgesamt 12 Torschüsse gegenüber 11 bei Sarzanese. Schon früh ging es ruppig zu: In der 4. Minute sah Sarzaneses Linksverteidiger Aldo Izzo Gelb, weil er Rodengos quirligem Rechtsaußen Niccolò Gasser etwas zu leidenschaftlich das Trikot signierte. "Ich wollte ihm nur beim Wenden helfen", grinste Izzo später. Kurz darauf legte Gudmund Sundström nach - ebenfalls Gelb in der 26. Minute. Der junge Skandinavier kommentierte trocken: "In meiner Heimat ist das kein Foul, das ist ein höflicher Schulterklopfer." Nach der Pause wurde es turbulent. 47. Minute: Der erst 18‑jährige Vincenzo Cerutti, Rodengos Sturmhoffnung, nutzte die erste Unachtsamkeit und traf nach schöner Vorarbeit von Matteo Botricello zum 0:1. Ein Schuss wie aus dem Lehrbuch - und das mitten ins Herz der Sarzanese‑Fans. Cerutti jubelte mit ausgestreckten Armen, als wolle er sagen: "Seht her, ich gehöre hierher." Trainer Beyer rief ihm zu: "Bravo, Vincenzo, aber jetzt alle wieder hinter den Ball!" - was sinnbildlich für die restliche Spielphilosophie der Gäste stand. Sarzanese reagierte, wenn auch eher mit der Präzision eines Uhrwerks aus der Werkstatt eines Dreijährigen. Marian Zuraw und Daniele Mottafollone prüften den gegnerischen Keeper Luigi Nicola mehrfach (56., 76., 86.), doch der 20‑jährige Schlussmann hielt, als wäre er mit Sekundenkleber an den Pfosten genagelt. "Ich hatte einfach das Gefühl, heute kann mich keiner überwinden", meinte Nicola später - ein Gefühl, das bis zur 93. Minute Bestand hatte. Dann kam die Szene, über die man in Sarzana noch lange reden wird. Fabio Laino, 34 Jahre alt, graue Schläfen, aber mit der Übersicht eines Schachmeisters, flankte butterweich von links. Davide Simone, der flinke Rechtsaußen, stieg hoch, drehte sich in der Luft und traf volley zum 1:1. Ein Treffer aus dem Nichts, dafür umso schöner. Das Stadion explodierte, während Trainer Capasso die Wasserflasche in hohem Bogen in Richtung Himmel warf. "Ich wollte eigentlich nur den Mond treffen", scherzte er später. Rodengo Saiano dagegen stand wie versteinert. "In der 93. Minute - das tut weh", knurrte Coach Beyer. "Aber meine Jungs haben 90 Minuten lang gekämpft, und Cerutti hat wieder gezeigt, warum wir an ihn glauben." Der Pechvogel des Abends war indes Botricello, der Vorlagengeber zum 0:1, der in der 83. Minute verletzt raus musste. Sein Ersatz Marco Serrastretta kam, sah - und durfte den Ausgleich mitansehen. Unterm Strich war es ein Spiel, das niemand verlieren wollte - und das letztlich keiner so richtig gewonnen hat. Sarzanese zeigte Moral, Rodengo Effizienz. Beide Teams blieben ihrer Identität treu: die einen balanciert, die anderen betonhart. In der Mixed Zone zog Davide Simone Bilanz: "Wenn wir früher so gespielt hätten wie in der Nachspielzeit, hätten wir vielleicht gewonnen. Aber Fußball ist kein Wunschkonzert." Und Marian Zuraw ergänzte mit einem Augenzwinkern: "Zum Glück dauert ein Spiel 93 Minuten - manchmal sogar genau so lange, wie man braucht, um den Torjubel zu proben." Fazit: Ein gerechtes 1:1, das spät zündete, aber dann für ordentlich Herzklopfen sorgte. Und während die Fans von Sarzanese noch jubelten, verließen die Gäste das Feld mit hängenden Schultern - wohl wissend, dass man auch beim defensivsten Plan manchmal eine Nachspielzeit einplanen sollte. 14.05.643987 21:54 |
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Torsten Legat