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Es war einer dieser Abende im Stadion Cair in Niš, an denen der Fußball beweist, dass er grausam gerecht sein kann. 28.130 Zuschauer sahen ein Spiel, das in der 93. Minute von einem Innenverteidiger entschieden wurde - und zwar gegen alle dramaturgischen Gesetze. Am Ende hieß es 1:1 zwischen Radnicki Nis und Zebre Cacak. Ein Unentschieden, das sich für die Gastgeber anfühlte wie eine Niederlage und für die Gäste wie ein kleiner Pokalsieg. Dabei hatte alles so gut begonnen für das Team von Trainer Otto Otto. Seine Elf, in der Routiniers wie Goran Koroman und Ryan Hunt das Kommando führten, zeigte in der ersten halben Stunde, warum man sie zuhause kaum schlagen kann. Während die Zebras aus Čačak - pardon, Zebre Cacak - noch ihre Auswärtsnervosität sortierten, ließ Radnicki den Ball laufen. In der 32. Minute dann der Moment, der das Stadion erbeben ließ: Sreto Ivanovic setzte sich auf links durch, flankte butterweich in den Strafraum, und Ryan Hunt, der 36-jährige Engländer mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, drosch den Ball volley in die Maschen. 1:0! "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hunt später in der Mixed Zone. "Mit 36 denkt man nicht mehr lange nach - man trifft oder man trifft nicht." An diesem Abend traf er. Zebre Cacak, trainiert vom exzentrischen Jean-Marie Pfaff, reagierte durchaus mutig. "Wir wollten von Anfang an offensiv spielen", erklärte Pfaff nach dem Spiel, "aber meine Jungs dachten wohl, offensiv bedeutet, den Gegner höflich um Erlaubnis zu bitten." Erst nach dem Rückstand kamen die Gäste richtig ins Rollen. Tiburtius Larsson prüfte Keeper Minos Vyntra in der 40. Minute mit einem Schuss aus 20 Metern - der Torwart lenkte den Ball sehenswert über die Latte. Zur Pause war der knappe Vorsprung verdient. 49,8 Prozent Ballbesitz für Radnicki, 50,1 für die Gäste - also praktisch Gleichstand. Aber die Qualität der Chancen lag klar auf Seiten der Hausherren. In der zweiten Hälfte dann ein anderes Bild: Zebre Cacak drängte. Zehn Torschüsse insgesamt, drei davon in den letzten zehn Minuten. Pfaffs Elf, die sich schon früh zwei Gelbe Karten eingefangen hatte (Fynn Schmitz in der 20., Marcos Henrique in der 26.), spielte plötzlich wie entfesselt. Alexandre Ames zog über links, Amaury Galindo lauerte auf rechts - und in der 70. Minute lag der Ausgleich mehrmals in der Luft. Radnicki verteidigte mit Herz und Verstand - und manchmal auch nur mit Glück. "Wir wollten das Ding nach Hause bringen", seufzte Trainer Otto Otto später. "Aber Fußball ist kein Wunschkonzert, das wissen wir alle." Dann kam die Nachspielzeit. 92. Minute: Der junge Max Hermann, erst 19, ging nach einem harten Zweikampf zu Boden und musste raus - verletzt. Für ihn kam Timo Diarra, ein bulliger Mittelstürmer, offenbar nur zum Zeitschinden. Doch während die Heimfans schon jubelten und manche sogar Richtung Ausgang schlenderten, schlug Zebre Cacak noch einmal zu. 93. Minute, Eckball von rechts, der Ball segelt in den Strafraum - und ausgerechnet Fynn Schmitz, der sonst hinten Beton anrührt, stieg am höchsten. Kopfball, Tor, 1:1! Vyntra streckte sich vergeblich, der Ball zappelte im Netz. Was folgte, war ein kollektives Déjà-vu. Pfaff sprang an der Seitenlinie wie ein Mann, der gerade das Champions-League-Finale gewonnen hat, während Otto Otto fassungslos seine Mütze gegen den Boden schleuderte. "Der Schiri hätte gar nicht mehr pfeifen müssen", knurrte er später. "Der Ball war praktisch schon auf dem Weg nach draußen." Statistisch gesehen war das Remis sogar gerecht: 7:10 Torschüsse, fast ausgeglichener Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote für die Gäste (51,3 Prozent). Doch gerecht fühlt sich im Fußball selten gerecht an. Am Ende stand ein 1:1, das beiden Teams wenig hilft, aber beiden Geschichten gibt. Radnicki bleibt im Mittelfeld stecken, Zebre Cacak nimmt einen Punkt mit, der sich nach Sieg anfühlt. "Ich hab’s gewusst", grinste Pfaff, "wir sind wie ein guter Wein - am besten am Ende." Und so gingen die Lichter im Stadion aus, während die Zuschauer noch murmelten: "Wie konnte das passieren?" Tja, Fußball, alter Schelm - manchmal schreibt er die bittersten Pointen selbst. 19.05.643997 15:25 |
Sprücheklopfer
Bei denen ist sogar die Putzfrau schon zehn Mal Meister geworden.
Christoph Daum über Bayern München