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Manchmal reicht im Fußball ein kurzer Wimpernschlag, um eine ganze Partie zu drehen. Im Stadio Via del Mare, wo 35.867 Zuschauer am Dienstagabend eigentlich einen italienischen Offensivabend ihrer UD Lecce sehen wollten, passierte genau das Gegenteil: In zwei eiskalten Minuten vor der Pause trafen Julien Matthieu (42.) und Javier Vazques (43.) für Gela - und besiegelten damit ein 0:2, das Lecce noch länger in den Knochen stecken dürfte. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Lecce startete offensiv, wie es sich für ein Team gehört, dessen Trainer "The Wizard" heißt. "Wir wollten Magie zeigen, keine Mathematik", sagte der Coach später mit einem bitteren Lächeln. Doch schon nach wenigen Minuten wurde klar: Gela hatte die Zauberformel für Stabilität gefunden - und für schnelle Flügel. Immer wieder rauschten die Gäste über rechts, angeführt vom bulligen Rechtsverteidiger Samuel Perlman, der nicht nur hinten abräumte, sondern auch vorne Akzente setzte. In der 42. Minute war es dann Perlman, der eine halbhohe Flanke punktgenau auf den Fuß von Julien Matthieu zirkelte. Der 32-Jährige ließ Lecce-Keeper Mattia Capriotti keine Chance - 1:0. Kaum hatte das Stadion den Schock verarbeitet, klingelte es erneut. Julian Martins legte im nächsten Angriff elegant quer, und Vazques schob trocken ein. Zwei Minuten, zwei Treffer, zwei Mal kollektives Schweigen in Gelb-Rot. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", stöhnte Verteidiger Joseba Nene später in der Mixed Zone. "War er aber nicht. Leider." The Wizard, der sich während des Doppelschlags mit den Händen in den Manteltaschen an die Coaching-Zone klammerte, gestand nach der Partie: "Das war wie ein Zaubertrick, bei dem der Hut leer bleibt." Nach der Pause versuchte Lecce alles. 46 Prozent Ballbesitz, acht Torschüsse - sie bemühten sich redlich, doch die Kugel wollte nicht in die Maschen. Pedro Pauleta (40., 60.) und Valentino Rosati (50., 87.) hatten die besten Chancen, doch Gelas Keeper Willem Veeder, ein 32-jähriger Fels in Handschuhen, fischte alles weg. Szenenapplaus gab es in der 55. Minute, als Nene erneut aufzog und mit seinem linken Hammer das Außennetz traf. Ein Fan auf der Tribüne rief: "Vielleicht zählt das in Dänemark als Tor!" - Gelächter auf den Rängen, aber keine Punkte auf der Anzeigetafel. Gela, das in der zweiten Halbzeit taktisch abgeklärt blieb, agierte mit stoischer Ruhe. Die Flügel blieben ihre Waffe, das Pressing minimalistisch, aber effizient. Trainer Michael Müller, in der Kabine bekannt für trockene Ansagen, erklärte später: "Wir haben kein Feuerwerk versprochen, nur drei Punkte. Und die haben wir." Kurz vor Schluss musste Lecce noch eine Gelbe Karte für Andreas Laursen (86.) hinnehmen, sinnbildlich für den Frust der Gastgeber. Währenddessen wechselte Müller seine beiden Helden Vazques und Matthieu in der 89. Minute aus - nicht wegen Verletzung, sondern wohl für den verdienten Applaus. Statistisch war’s kein Klassenunterschied: 53 Prozent Ballbesitz für Gela, 15 Schüsse auf das Tor gegenüber acht der Gastgeber. Aber Effizienz schlägt Ästhetik - zumindest an diesem Abend. Im Presseraum fragte ein Reporter The Wizard, ob er enttäuscht sei. Der Trainer grinste müde: "Nein, nur verzaubert - von der Realität." Auch Gela-Kapitän Matthieu wurde gefragt, ob der Sieg glücklich war. "Glück? Nein. Wir haben einfach in der richtigen Minute Lust auf Fußball gehabt." Während die Fans von Lecce nach dem Schlusspfiff etwas ratlos in die kühle Marchesa-Nacht hinausschlenderten, feierten die 200 mitgereisten Gela-Anhänger ihre Helden mit einem improvisierten Gesang. Am Ende bleibt ein Spiel, das in zwei Minuten entschieden wurde, aber 90 lang unterhielt - zumindest für jene, die Blau-Weiß tragen. Lecce muss sich fragen, ob The Wizard bald neue Tricks braucht oder einfach mehr Zielwasser. Gela dagegen reist mit breiter Brust nach Hause, wissend: Manchmal braucht man keine Magie, nur einen Julien Matthieu mit Timing und einen Javier Vazques mit Gefühl. Und so verabschiedete sich Michael Müller am Ausgang mit einem Augenzwinkern: "Wir haben keine Sterne vom Himmel gespielt, aber Lecce vom Platz." Zaubertricks funktionieren eben nur, wenn keiner merkt, wo der Ball bleibt. 23.11.643993 02:37 |
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Ich habe nur immer meinen Finger in Wunden gelegt, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären.
Paul Breitner