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Es war ein Abend, an dem man sich fragte, ob CD León heimlich einen Vertrag mit dem Drehbuchautor einer Netflix-Serie abgeschlossen hatte. 37.043 Zuschauer im Estadio del León erlebten ein Spiel, das von gepflegter Verzweiflung über zähe Hoffnung bis hin zu grenzenlosem Jubel alle Emotionen im Angebot hatte. Am Ende stand ein 3:2 für die Gastgeber gegen den SC Villarreal - ein Ergebnis, das nach 45 Minuten so unwahrscheinlich schien wie Schnee in Sevilla. Denn zur Pause führte Villarreal komfortabel mit 2:0. Marcello Orsomarso hatte in der 26. Minute eiskalt zugeschlagen, nachdem Marc Da Cru mustergültig quergelegt hatte. Kurz vor dem Halbzeitpfiff erhöhte Agustin Muñoz nach feinem Pass von Joao Makukula auf 2:0 - und die Fans von León sahen sich bereits nach Trostbier um. "Ich dachte, wir sind schon auf dem Heimweg", gestand später ein Zuschauer mit grün-weiß bemaltem Gesicht, "aber meine Frau meinte, das Bier sei zu teuer, also blieben wir." Trainer Torsten Hoppe von CD León wirkte zur Pause erstaunlich ruhig. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens mit Stil. Und wenn ihr gewinnt, dann gern auch mit Drama." Offenbar kam die Botschaft an, denn was in der zweiten Halbzeit geschah, war eine dieser seltenen sportlichen Wiederauferstehungen. In der 68. Minute sah Leóns Karsten John erst Gelb, was ihn allerdings nicht davon abhielt, anschließend das Spiel komplett auf den Kopf zu stellen. Zunächst bereitete er in der 82. Minute den Anschlusstreffer von Emiliano Ferrari vor - eine Kombination, so präzise wie die Zeitansage der Deutschen Bahn selten ist. Keine 60 Sekunden später drehte John den Spieß um: Diesmal passte Ferrari, und John drosch den Ball zum 2:2 in die Maschen. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste John nach dem Spiel, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Villarreal, bis dahin taktisch diszipliniert und mit leichtem Ballbesitzvorteil (51,6 Prozent), verlor in dieser Phase völlig die Ordnung. Rechtsverteidiger Javi Martins, schon mit Gelb vorbelastet, sah in der 79. Minute Gelb-Rot - und Trainer Heung-Min Son hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht. "Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen und angefangen, Schach ohne Figuren zu spielen", murmelte er später. Als wäre das nicht genug, verletzte sich kurz darauf Makukula, und Villarreal musste improvisieren. In der Nachspielzeit, Minute 92, kam der Moment, den im Stadion niemand vergessen wird. Guillaume Daens, sonst Innenverteidiger und kein Freund riskanter Vorstöße, schlug einen letzten langen Ball. Gudmund Bruhn, der links außen schon die Lunge auf Halbmast trug, nahm das Leder mit der Brust an, tanzte einen Verteidiger aus und vollendete zum 3:2. Das Stadion explodierte. "Ich hab nur noch grüne Punkte gesehen", erzählte Bruhn später lachend. "Dann lag ich unter 10 Mitspielern." Statistisch gesehen war die Partie ausgeglichen: León mit 14 Torschüssen, Villarreal mit 13. Doch in der entscheidenden Phase zeigte León mehr Herz und weniger Nerven. Hoppe lobte sein Team mit trockenem Humor: "Wir üben jetzt noch, die erste Halbzeit nicht zu verschlafen. Aber die zweite war Champions-League-reif." Heung-Min Son hingegen stand ratlos am Spielfeldrand. "Wir haben 70 Minuten dominiert und dann aufgehört zu atmen", seufzte der Koreaner, der sich nach Abpfiff von den eigenen Fans aufmuntern lassen musste. Der Schlusspfiff wirkte wie eine Befreiung: Spieler, Trainer, Fans - alle schrien sich die Frustration der ersten Hälfte aus dem Leib. Selbst der Stadionsprecher klang, als habe er gerade ein persönliches Wunder erlebt. Und irgendwo auf der Tribüne sagte der eingangs zitierte Fan zu seiner Frau: "Siehst du? Gut, dass wir geblieben sind." Sie nickte, nahm einen Schluck vom überteuerten Bier und grinste: "Das war heute jeden Cent wert." Ein Spiel also, das wieder einmal bewies: Fußball ist kein Mathematikunterricht, sondern Poesie mit Schweiß. Und manchmal schreibt der Zufall die schönsten Geschichten - besonders dann, wenn man sie schon abgeschrieben hatte. 10.04.643987 04:56 |
Sprücheklopfer
Speziell in der zweiten Halbzeit haben wir einen guten Tag erwischt.
Andreas Möller